Kategorie-Archiv: deutsch

Die Muskatnuss, Smaragd des Äquators

AMBON UND DIE MUSKATNUSS

AMBON. 21. JUNI 2014

In einer Hauptstrasse von Ambon sitzt ein dicker sympathischer Chinese und hantiert an seinen beiden Smartphones. Vor seinem kleinen Lagerhaus auf dem Trottoir trocknen frische Nelken. Er bittet uns herein und erzählt von seinen Geschäften und der Geschichte der Gewürzinseln. Im ersten Stock sitzen drei Studentinnen und sortieren Muskatnüsse. Ein älterer Herr verpackt Nüsse und Nelken während der Chef am Telefon mit einem Kunden in Hong Kong verhandelt. Chang exportiert Muskatnüsse, Nelken und Kakao nach Korea, Japan und China, nur die beste Qualität, wie er meint.

Die Gewürzinsel Ambon und einige anderen Nachbarinseln der Molukken waren lange die einzigen Orte der Welt wo Gewürznelken und Muskatnüsse wuchsen. Beide Gewürze finden in der Küche, traditionellen Heilkunde, Medizin und Kosmetik Anwendung und waren bereits im Altertum wertvolle Handelsware. Julius Caesar waren die Molukken unter dem Namen Supercilium Mundi bekannt; für Chinesen, Araber, Inder und Europäer waren beide Gewürze edles Handelsgut und als Smaragd des Äquators bekannt.

Chang erzählt, die Geschäfte gingen gut und in der kommenden Woche würde er mit 40 anderen Chinesen in die Schweiz fliegen. Ich frage wohin? Chang hat keine Ahnung. Er meint, alles sei organisiert, greift zum Telefon und spricht kurz mit dem Reiseleiter: Von Zürich aufs Jungfraujoch meint er stolz und erzählt, die Reise würde eine Woche dauern. Ich entgegne, dass sei etwas kurz für die Schweiz! Aber Chang drückt seine Zigarette in den bereits übervollen Aschenbecher und meint: „Not too short; time is money!“ Ob er Frau und Kinder mitnehme? Nein, meint er mit einem zufriedenen Lächeln: “Die fahren nach Hong Kong; zum Disney Park!“

Beat Presser erzählt von seiner Reise auf dem Meer

MUSLIME und CHRISTEN

AMBON. 18. JUNI 2014

Kaum der Sinabung entstiegen begegne ich John. Er sieht mich, steigt von seinem Motorrad und fragt: „Anything I can do for You?“ Ich frage nach dem Weg nach Latu Halat und überlasse ihm meine Telefonnummer. Anderntags 7 Uhr läutet mein Telefon. Ob ich an seiner Schule Englisch unterrichten wolle? Er käme sogleich und hole mich ab. Ich vertröste ihn auf 10, pünktlich ist er da. Drückt mir einen viel zu kleinen Helm – eine Art Kinderplastikbadewanne – in die Hand und will gleich los. Zuvor aber zeigt er meinem Begleiter Antonius Waffenschein und Pistole. Er sei Christ und würde an einer Schule für Muslime unterrichten. 1999 sei es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen mit über 10 000 Toten gekommen. Ein lange andauernder Konflikt und er müsse gewappnet sein.

Wir steigen aufs Motorrad und fahren nach Ambon. Eine hüglige Stadt mit vielen Tälern, viel fruchtbarem Grün. Vorbei an großen Stoffflaggen. Deutschen, französischen, brasilianischen, holländischen. Eine internationale Konferenz in der Stadt? Ich frage nach und bekomme zur Antwort: „Holland wird Fussballweltmeister!“ Ich entgegne: „Stimmt nicht, die Schweiz gewinnt.“ John muß dermaßen lachen, daß er beinahe ein Huhn überfährt und vom Motorrad fällt.

Die Schule ist eine kleine. Knapp 40 Schüler, alles Waisen oder Halbwaisen, die hier unterrichtet werden und ganz gespannt und fasziniert meinem Unterricht folgen und sich wohl denken: „Da steht einer erzählt von seiner Seereise, von den Schweizer Bergen, von der Geographie. In der Hand hält er einen Globus aus Plastik den er so schnell durch die Luft jongliert und uns die Welt erklärt, so daß wir die Schweiz und Südamerika durcheinander bringen. Zum Schluß, als er das Klassenfoto knipst, steht er mit seiner roten Clownsnase im Klassenzimmer!“

Vor dem Sturm ist nach dem Sturm

Rauch und Sturm

AUF DEM MEER. 17. JUNI 2014

Indonesische Männer rauchen gern. Ungeniert, viel, überall und jederzeit. Alle Schlaf- und Aufenthaltsräume sind verraucht. Obwohl immer wieder die Durchsage über den Bordlautsprecher ertönt, man solle innerhalb des Schiffes auf das Rauchen verzichten und Rücksicht auf Frauen und Kinder nehmen, bleibt die Aufforderung ungehört. Bis noch vor kurzem waren es die nach Nelken riechenden Kretek Zigaretten, die den Lebensraum der Leute anreicherte. Seit vor wenigen Jahren Philip Morris die eine oder andere indonesische Kretek Zigaretten – Marke aufgekauft hat, verdrängt der neue Duft aus den Vereinigten Staaten den alteingesessenen lokalen Nelkenduft.

An Deck ist es luftig und kühl. Der Boden hart und unbequem, aber viel angenehmer als in den überfüllten und verrauchten Innenräumen. Gegen Mitternacht des zweiten Tages bedeckt sich der Himmel bedrohlich – gepaart mit hohem Wellengang. Dann fegt tropischer Regen über die Sinabung. Passagiere, die neben uns einen Schlafplatz gefunden hatten und die Verkäuferinnen flüchten von Deck ins ohnehin bereits übervolle Bootsinnere um irgendwo noch ein kleines und trockenes Plätzchen zu finden.

Ich stülpe meine Regenjacke über, schütze meine Kamera gegen den Regen und schreite das Deck ab. Was vor Stunden noch einem Rummelplatz glich, ist jetzt leergefegt. Keine Seele an Deck. Nur der Regen und das Pfeifen des Windes sind zu hören. Mit einem Mal gleicht die Sinabung einem Geisterschiff.

Ein Königreich für einen Schlafplatz

Von Bau Bau nach Ambon

AUF DEM MEER. 16. JUNI 2014

Sinabung. Das prächtig beleuchtete Schiff legt an. Hunderte von Leuten, voll bepackt, umgeben von noch mehr bepackten Trägern entleeren den Bauch des Schiffes. Dennoch, als wir endlich an Bord sind, mit jenen die mit uns gewartet haben, ist kein Platz mehr zu finden. Alles ist belegt, die Schlafräume, die Gänge, die Treppen. Überall Leute, die von Insel zu Insel reisen um Familie und Verwandte zu besuchen oder ihren Geschäften nachzugehen. Auf Deck aber finden wir noch Platz, zwischen Verkäuferinnen, die am Boden sitzend ihre Waren feilbieten. Von Kaffee und Gebäck bis zum elektronischen Gerät ist so ziemlich alles zu finden, was man sich vorstellen kann. Als der Imam zum Morgengebet ruft stechen wir in See.

Als der Tag anbricht ist Sulawesi nur noch silhouettenhaft im Nebel erkenntlich. Inzwischen macht der Seegang einigen Passagieren zu schaffen. 4 – 5 Meter hohe Wellen, Windstärke 5 – 6, eine Bugwelle, die sich bis zu 10 Meter der Bordwand empor bäumt, bringt selbst ein grosses Schiff wie die Sinabung zum Schaukeln.

Über Lautsprecher wird die Billetkontrolle angekündigt. Alle Türen werden verschlossen. Jene, die sich im Schiff befinden bleiben drinnen; alle anderen draussen. Alles wird abgesperrt, dann beginnt eine akribische Kontrolle. Selbst die Rettungsboote werden durchsucht. Wahrscheinlich sucht man nach den sechs blinden Passagieren, die sich in der Nacht zuvor dem Tau der Bordwand emporgeangelt haben. Nach der erfolglosen Kontrolle und Suche ertönt abermals der Bordlautsprecher. Eine Einladung zum Besuch im Bordkino mit einem ganz speziellen Leckerbissen: Ein Actionfilm mit Arnold Schwarzenegger…

Logo der Schiffahrtsgesellschaft Pelni

Ein Schiff wird Kommen

BAU BAU. 15. JUNI 2014

Wir kaufen uns zwei Tickets Economy Class von Bau Bau nach Ambon. 12 Uhr mittags sollen wir uns an der Pier einfinden, um 13 Uhr würden wir in See stechen. 12 Uhr, noch kein Schiff. Dafür ein großer Platz, fliegende Händler mit Wasser, Eßwaren, Handelswaren jeglicher Art und Hunderte von Passagiere, die der Dinge harren, die da kommen mögen. Die Leute vertreiben sich die Zeit mit Kartenspiel und Schach; es wird geschlafen, gegessen, gewartet, gelacht, flaniert, gestaunt. Alles geht friedlich von statten. Keine Unrast, kein Murren, keine Beschwerden. Alles wartet geduldig auf das große Pelni Schiff. Hier ist Warten ein Teil des Lebens und von Gott gegebene Zeit.

Die großen Linien in Indonesien werden von der Schiffahrtslinie Pelni betrieben. Mit über achtzig, meist in Papenburg (Deutschland) gebauten Schiffe, bedienen sie regelmäßig große Teile des immensen Inselreiches. Auf den Schiffen befinden sich ein Bordrestaurant, eine Karaokebar, eine Tanzbühne, eine Moschee und vier verschiedene Passagier–Klassen. Je nach Bedürfnis und preislich abgestuft.

Ich nutze die Gelegenheit, schlendere zum Büro der Coast Guards, stelle mich kurz vor und erhalte die Erlaubnis einige der wachhabenden Offiziere zu portraitieren. Alles geht locker und humorvoll über die Bühne. Dann gehen wir essen, vertreten uns die Füße, trinken einen weiteren Mangosaft und vertreiben uns weiter die Zeit mit Lesen. Später begeben wir uns wieder zum Hafen. Auf dem Weg summe ich Lale Andersens Lied Ein Schiff wird kommen. Just bei der Strophe: Und warte auf die fremden Schiffe aus Hong-Kong, aus Java, aus Chile und Shanghai höre ich die Schiffssirene. Inzwischen ist es 1h morgens.

Vollgepackte Pinisi kurz vor der Abfahrt

Bau Bau

16. Juni 2014

Bau Bau ist eine kleine am Meer gelegene Stadt auf der Insel Buton in Ost Sulawesi. Eine Stadt, wie es wohl Hunderte gibt im indonesischen Inselreich. Alles was nicht aus der Landwirtschaft stammt wie Reis, Mais, Sago, Kopra, Tabak, Kaffee oder Zuckerrohr, was nicht aus dem Wald oder im Meer gewonnen wird, muss per Schiff nach Bau Bau und auf die über 6 000 anderen bewohnten Inseln gebracht werden. Vom Nagel zur Elektronik, von Frischprodukten zum Motorrad, vom Smartphone zur Trockenmilch.

Enorme Anstrengungen werden unternommen und eine komplizierte Logistik ist von Nöten, um einer immer größer werdenden Nachfrage nach Produkten gerecht zu werden. Murhum, der Hafen von Bau Bau ist ein geschäftiger Umschlagplatz für Waren und Passagiere. Hier laufen alle nur möglichen Schiffe ein und aus: Kleine und große Schiffe. Perahus. Schnellboote mit Cafeteria und Karaokeraum. Linienschiffe für über 1000 Passagiere nach Makassar, Surabaya, Kijang, Namlea, Ambon, Ternate, Balikpapan und Bitung.Passagierschiffe zu kleineren Häfen in Sulawesi. Zubringerkanus. Fischerboote. Containerschiffe. Öltanker nach Surabaya und Semerang. Fährschiffe für Passagiere und Autos, die im Zweistundentakt benachbarte Inseln wie Waara, Dongkala, Kassipute, Raha oder Kendari ansteuern.

Zwischen Murhum und dem Fährhafen liegt ein winzig kleiner Hafen. Nur fünf oder sechs kaum 7 oder 8 Meter lange Pinisis liegen hier vor Anker. Da wollen wir mitfahren! Im Kanu fahren wir zu einem der Schiffe um nachzufragen; aber für einmal ist uns das Glück nicht hold. In der Nacht zuvor hat eine Pinisi, vollgepackt mit Matratzen und Konservenbüchsen, den Hafen Richtung dem 550 Seemeilen entfernten Ternate auf den Molukken verlassen. Die nächste Pinisi wird erst wieder in 10 Tagen auslaufen. Solange wollen wir aber nicht warten und entscheiden uns für das Linienschiff.

Angeschwemmter Abfall in Bau Bau

Abfall im Meer

Rückblick: Auf der Überfahrt nach Tarasu wird eines Abends der Abfall im Meer und anderswo diskutiert. Hier in Indonesien gehört es dazu alles unnötig gewordene oder Abfall gedankenlos zu entsorgen. Im Auto, Bus, Zug, Schiff; alles was nicht mehr gebraucht, wird nicht in dafür vorgesehene Abfalleimer getragen, sondern der Einfachheit halber zum Fenster hinausgeworfen. Auch das Meer eignet sich bestens als Müllhalde. Für einen Schweizer oder Singapurianer ein undenkbarer und barbarischer Akt. Auf Yukris Pinisi allerdings weht ein anderer Wind. Vier Abfallkübel verpflichten die Matrosen dazu, Plastik, Flaschen, Papiere, Verpackungen, Zigarettenstummel und Anderes nicht ins Meer zu werfen.

Zwei Matrosen, Jon und Simon haben noch bis vor kurzem als Fischer gearbeitet und haben erst vor sechs Monaten ihre Tätigkeit gegen ihre Jetzige eingetauscht. Sie erzählen von ihren Nöten als Fischer ihr Leben zu fristen und ihre Familien zu ernähren. Was am meisten frappiert an ihrer Erzählung, daß Plastiksäcke und Petflaschen, die sich herrenlos an der Wasseroberfläche bewegen von kleineren Fischen und Fischschwärmen als große Fische wahrgenommen werden. Die Fische würden deshalb vor einer geglaubten Bedrohung ins offene Meer abwandern. Dort seien große Fischfangflotten unterwegs und würden in großem Stil das Meer ausfischen. Für Fischer mit ihren kleinen Perahus sei es zu gefährlich sich ins weite Meer hinauszuwagen um zu fischen. Dies hätte sie gezwungen ihren Beruf aufzugeben und sie wollten es jetzt als Seeleute versuchen.

Erschreckend, meint der nachdenkliche Kapitän Yukri, was sinnlos im Meer entsorgte Plastikteile für eine Kettenreaktion auslösen können. Von winzigen Plastikpartikeln, die übers Meer und den Fisch in die Nahrungskette gelangen einmal abgesehen!

Ein Schiff entsteht

Bootsbau in Bira, Sulawesi

4. Juni 2014

Pünktlich am 4. Juni treffen wir in Makassar ein. Der Weg von Tarasu führte über Bira und Tanaberu. An beiden Orten werden Pinisis gebaut. Imposante Gebilde, wieder bekomme ich den Eindruck, ich stehe vor etlichen Arche Noahs! In Bira entstehen gleich fünf riesige 60m lange Pinisis im Auftrag eines Malaiischen Chinesen. Nicht allen anderen Bootsbauern in Bira und Tanaberu gefällt dies. Für den Bau der fünf Schiffe und vier weiter geplanten würde das ganze Holz gebraucht, der Chinese würde alles monopolisieren, überzahlte Preise zahlen und für die anderen Bootsbauer sei über Monate kein Holz erhältlich. Böse Zungen wünschen sich, daß die eine oder andere Pinisi bei der Jungfernfahrt aus dem Ruder läuft und eine Ende nehme wie damals die Titanic.

Ich kann es nicht beurteilen, staune aber über die enorme Größe und die Dimensionen dieser fünf Schiffe. Ich steige in den Bauch eines der Schiffe – ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Drinnen im Schiff wird gebaut, gehämmert, gesägt, gehauen, gebohrt, zugeschnitten, Kaffee gekocht und Kretek Zigaretten geraucht. Das Ganze wirkt wie eine in sich selber abgeschottete Welt.

In Tanaberu ist die Stimmung schlecht. Nur wenige Schiffe sind im Bau; ganz anders als bei meinem letzten Besuch. Es gibt nicht viel zu tun. Wir führen es auf die Vorkommnisse in Bira zurück, sitzen in den Bus und fahren nach Makassar. Gerade rechtzeitig zum Makassar International Writers Festival. Vier Stunden nach unserer Ankunft stehe ich auf der Bühne und stelle unser Surabaya Johnny Buch-Projekt vor. Alles kam völlig unerwartet! Kurz zuvor traf ich mich mit Lily Yulianti Farid, der Direktorin des Festivals, erklärte ihr kurz das Projekt, daß ich zum Festival mit einer Pinisi gekommen sei und indonesische Schriftsteller suche, die Texte für das geplante Buch schreiben könnten.

"Sinar Harapan" in voller Fahrt

Mit Kapitän Yukri unterwegs von Larantuka nach Tarasu

22. Mai. 2014 – Beat Presser berichtet:

Wir sollten uns am Mittwoch pünktlich um neun Uhr auf der Sinar Harapan einfinden, meinte Kapitän Yukri zu mir, schaute vom Schachbrett auf und strahlte. Er hatte mich soeben Schachmatt gesetzt. Yukri ist der jüngste Kapitän, der mir bis anhin begegnet ist. Erst 28 Jahre jung und seit vier Jahren bereits Kapitän auf der 1980 in Tanaberu gebauten Sinar Harapan, mit der er im Auftrag eines Eigners aus Makassar regelmäßig Waren von Flores nach Sulawesi transportiert. Heute ist das Schiff leer, wir werden ohne Waren nach Norden aufbrechen. Wegen starker Strömung und unberechenbaren Winden verzögert sich unsere Abreise bis zum späten Nachmittag.

Gelegenheit für einen Spaziergang an der Pier. Dort treffe ich Kapitän Nidun. Mit ihm bin ich vor eineinhalb Jahren von Bonerate nach Larantuka gesegelt. Es ist ein freudiges Wiedersehen, das wir mit einer Flasche Guiness begießen. Ich zeige ihm die Fotos, die wir zusammen gemacht haben von ihm, der Crew und seiner Pinisi; er ist begeistert und will sich immer wieder die Fotos auf dem iPad ansehen und ist traurig darüber, daß wir nicht mit ihm nach Makassar segeln, sondern uns mit Yukri verabredet haben.

Aber Yukri segelt nicht nach Makassar. Kaum hat er – kurz vor Sonnenuntergang – den Anker gelichtet und die Segel gesetzt, meint er, wir würden nun doch nicht Richtung Makassar, sondern nach Tarasu steuern. Tarasu? Wir konsultieren die Detailkarte. Tarasu, auch „Seven-Seven“ genannt, 140 km vom ursprünglichen Zielort entfernt. Macht nichts sage ich mir. Der Hafen liegt im Landesinnern, das heißt wir müssen einen Fluss hinauffahren. Das gibt sicher schöne und ungewöhnliche Bilder! Aber kurz vor Tarasu laufen wir auf Grund …

Antonius Bataona mit seiner "Perahu" unterwegs auf dem Meer

Antonius Bataona

17. Mai 2014 – Gastautor I Wayan Gusti schreibt:

Heute habe ich länger mit Beat Presser gesprochen. Er sei gut in Larantuka auf Flores angekommen. Von dort aus soll der zweite Teil der großen Reise im Indonesischen Archipel vom Stapel laufen. In Larantuka lebt sein Freund Antonius Bataona. Antonius redet Schweizerdeutsch und wird auf der bevorstehenden Seereise dem Fotografen zur Seite stehen und unter anderem helfen die sprachlichen Barrieren zu überwinden. Die Beiden haben sich 2012 kennengelernt. Beat Presser war nach einer 9-tägigen Seereise von Bira in Sulawesi, Selayar und Bonerate in Larantuka gelandet.

Etwas müde von der langen Reise begab er sich zur Schiffahrtsgesellschaft Pellni um einige Auskünfte einzuholen. Vor dem Gebäude stellte sich ihm ein Mann in den Weg und fragte auf Englisch, ob er ihm behilflich sein könne. Im Satz aber hatte sich ein deutsches Wort „eingeschmuggelt“. Beat fragte nach, ob er auch Deutsch spreche? Antonius meinte nur: „Du kannst auch Baseldeutsch mit mir reden“. Die Beiden hatten über Jahre in derselben Stadt gewohnt – ohne einander je begegnet zu sein. Bei Fisch und Reis wurde noch am gleichen Abend beschlossen: Sollte es eine Fortsetzung der Seereise geben, dann würde man sie gemeinsam unternehmen.

Kaum angekommen, erzählte mir heute der Fotograf am Telefon, Antonius habe im Hafen von Larantuka bereits eine Pinisi gefunden, welche, sie nach Makassar bringen würde. Von dort aus sei die Reise auf die Molukken einfacher als von Larantuka aus. Die nötigen Papiere und Bewilligungen würden noch fehlen, aber das sei kein Problem und am Mittwoch würden die Beiden in See stechen, allerdings ohne mich !

I Wayan Gusti beim Verfassen seines Beitrages

Gastautor I Wayan Gusti schreibt:

14. Mai 2014 

Beat Presser hat mich gebeten, seinen bereits begonnen Blog vorübergehend weiterzuführen. Er sei zu beschäftigt mit Reisevorbereitungen, Unterwasserkameratests etc. und wolle zudem Indonesisch lernen – ein sinnloses Unterfangen, wenn Sie mich fragen! Da ich seine fotografische Arbeit bereits seit längerem verfolge und schätze bin ich gerne seiner Einladung gefolgt und wollte zuerst der Frage nachgehen, wie ein Schweizer, umgeben von Bergen, ohne Zugang zum Meer überhaupt dazu kommt, zur See zu fahren.

Als er noch ein Junge war baute sein Vater In der Garage ein Motorboot, mit dem die Familie an Wochenenden auf dem Rhein herumkurvte und die Sommerferien auf einem der vielen Schweizer Seen verbrachte. Mit 14 legte er seine Segelprüfung ab, mit 19 fuhr er auf einem sudanesischen Postschiff von Assuan bis Khartoum, zwei Monate später überquerte er erstmals den Indischen Ozean. Von Mombasa nach Bombay mit einem Flüchtlingsschiff und 3000 Pakistanis und Indern, die Uganda unter der Gewaltherrschaft von Idi Amin verlassen mußten. Noch während seiner Ausbildung zum Fotografen scherte er 1975 für einige Monate aus und heuerte als Matrose auf verschiedenen Segelschiffen im Atlantik an. Spätestens nach dieser Reise war für ihn klar: Wenn immer es geht, ab aufs Meer!

2009/2010 ergab sich abermals die Gelegenheit zur See zu fahren; Beat Presser realisierte eine Geschichte über die traditionelle Dhau Schiffahrt vor der ostafrikanischen Küste. In wenigen Tagen packt er seine sieben Sachen und fährt abermals zur See. Spätestens dann muß er seine Texte wieder selber verfassen. Ich selber stamme aus Indonesien, und es ist schwer zu glauben, aber ich kann weder schwimmen, noch wage ich mich aufs Meer hinaus. Das sei den Mutigen vorbehalten!

"Perahu" am Strand

Die Bootsbauer

9. Mai 2014 – Die Bootsbauer

Endlich, nach 18 Monaten Vorbereitung beginnt der fotografische Teil meiner Reise. Es ist bereits der zweite Teil einer monatelangen Exkursion, die bereits 2012 begann. Das Ziel ist es, die Schiffahrt im Indonesischen Archipel in Wort und Bild festzuhalten – eigentümlicherweise existiert bis heute nur wenig zu diesem Thema – und bis zur Buchmesse 2015 in Frankfurt als Buch unter dem Titel Surabaya Beat zu veröffentlichen. .

Auf einer kleinen Insel östlich von Java, werden noch heute Perahus in Holz und auf traditionelle Art gebaut. Perahu, auch Prahu oder Prau werden aus einem Baumstamm gefertigt, sind schlank und tief, und damit sie stabil auf dem Wasser liegen, werden auf beiden Seiten Stabilisatoren angebracht. Deshalb werden die Perahu auch als Auslegerboot bezeichnet. Die Boote sind meist klein und werden zum Fischen oder für Transporte gebraucht. Auslegerboote sind von der Südsee, dem Indonesischen Archipel über Sri Lanka, der Ostküste Afrikas bis nach Madagaskar zu finden. Immer etwas anders konstruiert, abhängig von den Holzarten, den Bedürfnissen und von der Kunst der Baumeister.

Perahus werden ohne Plan gebaut. Die drei älteren Schiffsbauer, die wir antreffen und Schiffe im Auftrag ausführen, bauen ihre Perahus aus dem Gedächtnis und auf Grund ihres Sachverstandes. Und so entstehen innert Monatsfrist kleine Kunstwerke, jene für den Fischfang mit Flagge und Fischgesicht am Bug. Aber gesegelt wird nicht mehr, alle Perahus sind inzwischen mit Motoren ausgestattet. Es sind auch nicht mehr viele Bootsbauer auf der Insel am Werk. Das Holz wird knapp und Kunststoffschiffe verdrängen den Jahrtausende alten traditionellen Schiffsbau. Die Schiffsbauer wissen, ihre Tage sind gezählt!