Archiv für den Autor: Beat Presser

„Oase der Stille“ – Foto-Film

Im Jahre 2000 fuhr Beat Presser nach Thailand um ein Versprechen einzulösen. Dreissig Jahre zuvor war der junge Abenteurer nach einem schweren Unfall von Mönchen im buddhistischen Kloster gesund gepflegt worden. Damals hatte Beat Presser den Entschluss gefasst, später einmal nach Südostasien zurückzukehren und eine fotografische Geschichte über den Buddhismus zu realisieren.
Während fünf Jahren lebte und arbeitete Beat Presser in Klöstern in Thailand, Indien, Myanmar, Laos, Sri Lanka und Kambodscha und dokumentierte das klösterliche Leben der Mönche, Novizen und Nonnen. Dieser Foto-Film gibt Einblick in den klösterlichen Alltag und das einfache und in sich gekehrte Leben der Mönche, Nonnen und Novizen, ihre Askese und Meditation, ihre Feste, ihre Riten und das Leben in Stille.

„Kulturzeit“. Klaus Kinski und Buddhismus / Film

 

Portrait über den Fotografen Beat Presser und seine Arbeit und Erlebnisse in Asien, Afrika und Südamerika. Sein Buch „Oase der Stille“ über den Buddhismus in Südostasien. Den Darsteller Klaus Kinski in den Filmen „Fitzcarraldo“ und „Cobra Verde“ von Werner Herzog, seine Fotozeitung „The Village Cry“ und andere fotografische Begegnungen.

MUNDOS DIFERENTES – Medellin, Colombia 2013

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Travel and the photographic camera have been two regulars accomplices in the explorations that Beat Presser has made over the years in search of different traditions and cultures of which has captured fascinating images that make us think and ask about multiple lives around the world. Suggesting that we start our won journey.

Ingrid Torres, curator of Mundos Diferentes  Weiterlesen

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REISEROUTE 2012 UND 2014

Erste Reise. Juli – September 2012
1   Borobodur – Surabaya – Semarang
2   Denpasar – Padangbai
3   Makassar – Tanaberu – Bira – Selayar – Bonerate – Larantuka
4   Laranruka – Makassar
5   Makassar – Balikpapan
 
Zweite Reise. April – September 2014
1   Sumatra. Medan. Reise zu den Orang Utans im Leuser National Park, Sumatra  
2   Jakarta
3   Larantuka – Tarasu – Bira – Tanaberu – Makassar
4   Makassar – Bau Bau
5   Bau Bau – Namlea – Ambon
6   Ambon – Fak Fak
7   Fak Fak – Bula – Kobi – Wahai (auf Seram) – Fafanlap – Salafen – Katapu (auf Misool) – Sorong
8   Sorong – Ternate – Tidore
9   Ternate – Manado – Bunaken – Bitung

Beat Presser

Danksagung

Beat Presser fotografiert von Ingrid Liliana Torres

Hiermit möchte ich gerne all jenen meinen Dank aussprechen, die diesen Blog ermöglichten und meine Seereise im Indonesischen Archipel einen Erfolg haben werden lassen. Allen voran Christel Mahnke vom Goethe-Institut Jakarta.

Als ich im Frühjahr Goethe in Jakarta meinen Antrittsbesuch bei Christel Mahnke abstatte, will vieles besprochen sein: Wer wird das Buch, geplant für die Frankfurter Buchmesse 2015, verlegen? Kann eine Fotoausstellung mit meinen Fotografien in Jakarta stattfinden? Werden wir – falls ja – zur Ausstellung einen Katalog veröffentlichen? Kann der angedachte Fotoworkshop in Jakarta realisiert werden? Wie wollen wir das Ganze finanzieren? Wer wird die Texte für die geplanten Publikationen schreiben? In was für Sprachen soll Buch und Katalog erscheinen? Wer wird übersetzen?

Dann greift Christel Mahnke zum Telefon, kontaktiert die Galeri Foto Jurnalistik Antarain Jakarta, die sechs Monate später meine große Ausstellung und den Katalog „Sea of the Ancestors“ realisieren sollte und den Verleger Lans Brahmantyo, der das Buch Surabaya Johnny zur Frankfurter Buchmesse 2015 verlegen wird. Mit einem Mal aber steht noch eine ganz andere Frage im Raum: „Ob ich einen Blog schreiben wolle über die geplante Reise?!“ Noch nie zuvor habe ich einen Blog gelesen, ich weiß auch nicht, wie man einen Blog gestaltet, navigiert, wie er aussehen könnte und was für ein Zeitaufwand damit verbunden ist. Dennoch: Ich sage zu!

Und nehme mit meinen beiden Webdesignern in Basel Kontakt auf. In Windeseile ist blog.beatpresser.com eingerichtet; auf Bali entwerfe ich die Oberfläche und bringe den ersten Artikel zu Papier. Das Goethe-Institut in Jakarta kümmert sich um die Navigation, und nun, fünf Monate später sind 30 Geschichten, die von meiner abenteuerlichen Reisen im Indonesischen Archipel berichten zu lesen. Zudem: Diverse Interviews, Curriculum Vitae und Reiseroute. In Deutsch und Englisch.

Weiter gilt mein Dank all jenen Indonesierinnen und Indonesiern, die uns auf unserer Reise so gastfreundlich aufgenommen haben. Nie zuvor sind mir auf meinen Reisen, die mich bisher in 74 unterschiedlichste Länder geführt haben, derart viele zuvorkommende und warmherzige Leute begegnet. Im weiteren möchte ich gerne folgenden Leuten und Organisationen aussprechen meinen Dank:

Organisation/Logistik/Initiator: Christel Mahnke, assistiert von Devi Veriana. Visaformalitäten: Raliby Teuku. Blog: Lukas Dettwiler, Mauritz de Wijs, Wilton Djaya, Christian S. Lektorat deutsch: Vera Pechel. Übersetzung Blogtexte: Deutsch ins Englische: Eric Rosencrantz. Meinen beiden Begleitern durch das Archipel: Ingrid Liliana Torres (1. Reise), Antonius Bataona (2. Reise). Meinem Gastgeber in Jakarta: Patrick Walser. Unterstützung für das Buchprojekt Surabaya Johnny: John McGlynn und Lily Yulianti. Und: Ikranagara, Dr. Syahriar Tato, Aco Riwan. Zudem gilt mein ganz spezieller Dank: Goethe-Institut Jakarta. Daniel Derzic und die Schweizer Botschaft in Jakarta. Gunawan Widijaja und Oscar Motuloh, Galeri Foto Jurnalistik Antara, Jakarta und meinem Verleger Lans Brahmantyo, AfterhoursBooks, Jakarta.

 

 

 

Fotografie: Hafen von Poetere, Makassar. Die Schiffahrt steht still, kein Schiff darf den Hafen verlassen.

ABRUPTES ENDE

Unerwarteterweise nimmt unsere mehrmonatige und ereignisreiche Seereise ein abruptes Ende. Gestoppt ausgerechnet von denjenigen, die uns bis anhin so behilflich waren. Zurück aus Minado hat sich die Situation nicht gebessert. Die Schiffahrt ist stillgelegt, kein Schiff darf den Hafen verlassen. Schuld sind die beiden Taifune, die Japan und unlängst die Philippinen heimgesucht und das Meer vor Sulawesi aufgewühlt haben. Bis 6m sollen die Wellen sich erheben und das Schiff, das uns mitnehmen würde nach Samarinda in Kalimantan sitzt im Hafen fest. Wie wir auch. Nach wie vor Regen, bedeckter Himmel und düstere Wetterprognosen.

Wir beenden unsere Wartezeit im Norden von Sulawesi und entscheiden, unser Glück abermals in Makassar zu versuchen. In Makassar begrüsst mich Professor Tato, Rektor der hiesigen Kunsthochschule, er hat mir bereits 2012 geholfen, ein Schiff nach Balikpapan zu finden. Schon bei der Begrüssung meint er enthusiastisch: „Jokowi ist unser neuer Präsident! Jokowi! Jokowi! Er wird die Korruption im Land endlich stoppen.“ Dann essen wir Fisch, Gemüse und Reis und fahren im Anschluss nach Poetere, um ein Schiff nach Surabaya zu finden. Im Hafen von Surabaya will ich meine Reise abschliessen. Aber es sollte anders kommen.

In Makassar dasselbe Szenario. Sturm, Wind, die Schiffahrt gesperrt. Dennoch, ein Schiff ist schnell gefunden. Eine wunderschöne kleine Pinisi mit einem sehr sympathischen Kapitän, der sich freut über zwei Gäste an Bord; eine gute Abwechslung für meine Mannschaft, wie er meint. Es fehlten aber noch die Papiere von der Coast Guard. Anderntags finden wir uns dazu abermals in Poetere ein, um uns die nötige Legitimität zu verschaffen. Vorsichtshalber nehme ich meinen Freund Zarkoni den Polizisten mit. Schon bei der ersten Instanz gibt es unerwartete Schwierigkeiten. Wir sollen mit dem Pelni Boot fahren, meint der wachhabende Coastguard und hat für unser Anliegen kein Gehör. Aber wir könnten es ja bei der Chefin der Coast Guard in der Stadt versuchen.

Zarkoni fährt uns zur Chefin. Sie ist uninteressiert, abweisend und will von unserer Recherche über die Schiffahrt im Indonesischen Archipel nichts wissen. „Wo ist ihr Pass?“ meint sie scharf. Ich entgegne, der sei beim Goethe Institut resp. der Passbehörde, aber ich hätte hier meine Identitätskarte und das «Surat Tanda Melapor». Alles hilft nichts. Kein Pass – keine Bewilligung.

Enttäuscht fahren wir zurück nach Poetere und berichten dem Kapitän wie uns geschah. Dieser ist außer sich, schimpft und meint, er würde uns auch so und ohne Bewilligung mitnehmen, aber das sei mit einer Gefahr verbunden: Immer wieder würden sie von der Coast Guard hier in Makassar aufgegriffen und müssten Schmiergelder für nichts und wieder nichts bezahlen. In dem Moment will ein Fischerboot den Hafen verlassen, um im Küstengebiet zu fischen. Mit einem Mal erscheint wie aus dem Nichts ein kleines Boot an der Seite des Fischerbootes und gut sichtbar findet eine Handänderung statt. „Coast Guards!“ meint der entnervte Kapitän.

Vielleicht täte die Chefin der Coast Guards in Makassar besser daran auf die Finger ihrer Leute zu schauen, als Kulturschaffenden an ihrer Arbeit zu hindern…

REISE NACH MANADO

REISE NACH MANADO

Fotografie: Shopping Malls, die letzten Jagdgründe

Bitung. 10 Tage später; noch immer kein Diesel. Wir kommen nicht vom Fleck und die Schiffe nicht aus dem Hafen. Noch immer tobt und stürmt es vor Sulawesi. Wir nutzen die Gunst der Stunde und fahren mit dem Bus nach Manado, der Stadt, von der Alfred Russel Wallace in seinem Buch The Malay Archipelago vermerkte, sie sei eine der schönsten im ganzen Archipel. Er schwärmt von schönen Gärten und Villen, sauberen Strassen, Fruchtbäumen, Plantagen und dem pittoresken Vulkan. Der Vulkan ist geblieben, vom ehemaligen Glanz aber ist nicht mehr viel übrig, oder ich habe ihn übersehen.

Eine Seite weiter beschreibt Wallace die Leute, die bis vor kurzen ­– wir schreiben das Jahr 1859 – in Manados Umgebung noch Wilde gewesen sein müssen. Jeder Stamm hätte seinen Häuptling, jedes Dorf seine eigene Sprache und jede Siedlung hätte mit der nächsten oder übernächsten in ständigem

Zwist und Krieg gelebt. Sie waren Kopfjäger und Kannibalen und sei ein Häuptling gestorben, so hätte man zwei Feinde gejagt und mit deren Köpfen das Grab geschmückt. Waren keine Feinde zur Hand, so wurde Sklaven enthauptet um der Tradition alle Ehre zu machen. Auch Kopfjäger und Kannibalen soll es heute nicht mehr geben auf Sulawesi. Aber der Jagdtrieb ist den Leuten geblieben.

Sonntag Nachmittag, ich schlendere durch Manados Hauptstrasse. Eine Shopping Mall an der anderen. Einstöckig, Mehrstöckig, Fünfstöckig. Malls, soweit das Auge reicht. Zu Tausenden sind Leute mit schweren Plastiksäcken unterwegs. An- und aufgefüllt mit allem Möglichen und Unmöglichem. Kein Wunder reisen Regierungschefs mit Kaufleuten und Wirtschaftssachverständigen aus dem Westen nach China und zu anderen Schwellenländer in Asien um sinnvolle und weniger sinnvolle Produkte loszuwerden. Hier sind die Absatzmärkte! Hier wird auch nicht gross gefragt, wie und unter welchen Umständen etwas produziert ist und was es für Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat. Hauptsache Viele kaufen Vieles.

Am Eingang einer Mall komme ich mit einer Frau ins Gespräch. Sie hat zwei riesige Plastiksäcke mit Papierwindeln in der Hand. Die seien für Ihre Enkelin, sie wohne auf einer benachbarten Insel und freue sich, dass sie Ihrer Schwester jetzt diese Wegwerfwindeln mitbringen könne. Ich sehe bereits die gebrauchten Windeln im Meer davonschwimmen.

ORANG BACK-PACK

ORANG BACK-PACK

Fotografie: Lonely Planet, Bibel für den Orang Back-Pack

Der Orang Back-Pack ist leicht zu erkennen. Ob in Manado, Makassar oder anderswo. Ein großer Rucksack auf dem Rücken, ein kleiner vor der Brust. Darunter ein schweisstriefendes und zerschlissenes T-Shirt. Dazu Badehose oder zerschundene Shorts. Als Schuhwerk Flip-Flops oder schwere Trekkingschuhe. In der linken Hand eine Wasserflasche, in der Rechten den Lonely Planet. Der Lonely Planet – man nimmt ihn wenn möglich nie aus der Hand – erzählt auch all das, was den Orang Back-Pack begeistert: Wo wird gegessen, geschlafen, wo trifft man andere Gleichgesinnte, wo und wann fährt der Bus oder Zug, zu welchem Preis, ein oberflächlicher Geschichtsabriss und viel Nützliches mehr. Eine Wahrnehmung außerhalb des Lonely Planet scheint es für den Orang Back-Pack nicht zu geben.

Meist reist der Orang Back-Pack zu zweit zur Verdoppelung des Wohlgefühls und zum Schutz vor Eingeborenen. So findet der Kontakt zur Außenwelt selten statt; Küchenpersonal, Zimmerfräulein, Hotelmanager und ortskundige Touristen-Führer einmal ausgenommen. Aber das spielt keine Rolle, die Rucksacktragenden von Anderswo tauschen sich ohnehin am liebsten mit Ihresgleichen aus. Unterhalten sich über Preise, wie billig es da und dort war und wie billig es noch sein wird. Stundenlang, Tagelang, Nächtelang, wahrscheinlich die ganze Reise lang. Neben dem Reiseführer der – so nehme ich einmal an – schon bei der Drucklegung veraltet ist, informiert man sich zusätzlich über Facebook und trifft sich am liebsten immer dort, wo sich alle anderen Orang Back-Pack auch schon trafen und auch in Zukunft treffen werden.

Ganz anders die Gruppenreisenden. Sie sind aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie scheinen zufrieden und amüsieren sich, sie werden von A bis Z durch den Urlaub manövriert. Auch ob etwas billig ist oder teuer ist für sie ohne Belang – sie haben ohnehin alles zum Voraus bezahlt.

Ein Hotelmanager, der gut Englisch spricht gibt mir folgenden Ratschlag: Wenn du dem Orang Back-Pack aus dem Weg gehen willst, kauf dir den Lonely Planet und fahre an keinen Ort, der dort erwähnt ist! 

Minichip als Datenträger

ANALOG ODER DIGITAL?

Fotografie: Minichip als Datenträger. 32MB Speicherkapazität cirka 12000 Bilder im Format 25×18 cm / 300 dpi / jpg. Hintergrund: Film für 36 Bilder

Seit 45 Jahren ist dies meine erste fotografische Reise, ohne einen einzigen Film im Gepäck. Ein guter Schachzug? Sicher aber eine Überlegung, der ein rationaler Gedanke zugrunde liegt. Das geplante Buch Surabaya Johnny wird in 12 Monaten auf der Buchmesse präsentiert, die Zeit ist knapp.

Größter Vorteil der Arbeitsweise mit Film ist sicher, daß Abbilder auf Zelluloid erwiesenermassen eine lange Haltbarkeit besitzen und daß man etwas Physisches in der Hand hält. Zudem: Unterwegs und nach einem anstrengenden Arbeitstag werden die Filme beschriftet und numeriert, dann weggepackt. Erst Monate später wird es im Labor weiterverarbeitet. Diese zeitliche Distanz und das Wiederaufwachen von vergangenen Momenten im Entwicklungsbad haben eine hohe Qualität und bringen viel Ruhe und Reflektion mit sich. Da es bei der analogen Fotografie keine unmittelbaren Resultate zu sehen gibt, sind eine äußerst präzise Arbeitsweise und viel technisches Wissen wichtige Voraussetzungen zum Erfolg. Dies bleibt bei der digitalen Arbeitsweise größtenteils auf der Strecke. Die Möglichkeit der sofortigen Fehlerbereinigung bei der digitalen Fotografie hat die fotografische Arbeit, die Spezialisten vorbehalten war, zum Allgemeingut gemacht.

Auch unterwegs hat die digitale Fotografie seine Tücken. Viel elektronisches Gerät muß herumgeschleppt werden, elektronische Kameras, Computer, Harddisk, Kabel etc. – heikles Gerät, anfällig auf Schläge, Feuchtigkeit, Hitze, Kälte usw. Der große Vorteil für den Fotografen hingegen, er kann seine Bilder vor Ort ordnen, aussortieren, bereits unterwegs bearbeiten, verschicken und zudem eine druckfertige Vorlage für ein Buch oder einen Katalog noch vor der Heimreise vorlegen. Aber die gemütlichen Abende mit Einheimischen sind rarer geworden, man sitzt inzwischen nicht mehr auf der Brücke neben dem Kapitän oder mit Piraten in der Hafenkneipe, sondern am Computer und bearbeitet das Tageswerk.

Auch ich bin inzwischen – wenigstens vorübergehend – digitales Opfer meiner Selbst!

 

Poetere. Der "Pinisi" Hafen in Makassar

POETERE

Fotografie: Poetere. Der Pinisi Hafen in Makassar

Nun bin ich etwas mehr als 6 Monate und über 4500 Seemeilen unterwegs im Indonesischen Archipel. Zeit für eine kleine Rückschau.

Meine Schiffsreise beginnt in der zweiten Jahreshälfte 2014 in Makassar, dort wo Joseph Conrads Antiheld Heemskirk das Schiff seines Erzfeindes Jasper Allen auf ein Riff auflaufen läßt. Alles einer Frau wegen. Allen verfällt dem Wahnsinn, die schöne Freya von den sieben Inseln stirbt an Bleichsucht. Nur Heemskirk`s Schicksal bleibt ungewiß. Ebenso ungewiß wie mein eigenes jetziges Abenteuer.

Der Besuch von Fort Rotterdam ist wenig ergiebig; als ich aber das fein säuberlich renovierte Fort verlassen will, stellt sich mir ein Rikschafahrer in den Weg und meint: „You must go to Poetere!“ Ich weiß zwar nicht, wovon er spricht, steige aber ohne viel nachzufragen in seine Fahrradrikscha und los geht die Fahrt. Vorbei an großen Hafenanlagen, Containern, Kranen, Sperrzonen zu unserer Linken, Karaokebars zu unserer Rechten. 20 Minuten später sind wir in Poetere, dem alten traditionellen Hafen von Makassar. Wieso wußte der Rikschafahrer mit seinem herzlichen Lachen und stetigem „Look Mister here und look Mister there,“ daß ich genau das suchte? Und wieso wußte ich nichts von Poeteres Existenz?

Zuerst brauchte ich einen Kaffee. Man winkt mich in eine kleine Hütte und braut mir ein wohlriechendes Getränk. Um mich herum braungebrannte, muskulöse und fröhliche Hafenarbeiter und Seeleute beim Frühstück. Sie rauchen massenweise Gudang Garam und amüsieren sich – ebenso wie sie sich wundern – über meine Anwesenheit. Niemand außen erahnt diese lustige Gesellschaft in der kleinen Hütte und daß hier gegessen, getrunken und geraucht wird. Eigentlich widerspricht es den Regeln, denn die Sitten sind streng – es herrscht Ramadan.

 

Unser Schiff. Mit 80 Passagieren und Crew von Selayar nach Bonerate

REISE NACH BONERATE

Fotografie: Unser Schiff. Mit 80 Passagieren und Crew von Selayar nach Bonerate

Im Hafen von Poetere liegen viele Pinisis mit Waren aller Art. Von und nach überall hin im Archipel. Ein Schiff lädt eine riesige Ladung Ovomaltine. Samsjul, der Sohn des Besitzers des Schiffes kommt mit seiner Freundin die Pier entlang geschlendert und erzählt mir, daß seine Familie seit Generationen im Seehandel tätig sei und eine Miniflotte unterhalte. Sie würden Waren von Makassar nach Bonerate – einer kleinen Insel südlich von Sulawesi im Sunda Meer – und nach Labuanbajo in Westflores und zurück transportieren. Als ich ihm erzähle, die Schweiz sei das Geburtsland der Ovomaltine, meint Samsjul spontan, ich solle ihn auf Bonerate besuchen, er wäre in 10 Tagen dort. Von Bira aus mit der Fähre nach Selayar, dann mit irgendeinem kleineren Schiff nach Bonerate. Die Idee ist nicht ganz abwegig. Wie sagte John Cage so schön: „Wenn Du etwas in Angriff nehmen willst, dann fang einfach irgendwo an!“

Auf der Fähre nach Selayar mache ich Bekanntschaft mit Faizal. Er unterrichtet Agronomie an einem College in Beneng, der Hauptstadt der kleinen langgezogenen Insel. Die Überfahrt ist kurz aber heftig, die meisten Leute seekrank. Stunden später und nach Sonnenuntergang sitze ich bei seiner Familie auf dem Sofa und gemeinsam geniessen wir die vorzügliche indonesische Küche. Spät am Abend fährt uns Faizal’s Vater zum Hafen. Im Nu finden wir ein kleines Passagierschiff, das tags darauf nach dem Freitagsgebet in See stechen soll.

Das 14m lange und 3m breite Boot ist bereits Stunden vor der Abreise zum Bersten voll; 80 Passagiere und 14 Motorräder, verteilt auf ein Unter- und ein Oberdeck. Der mir zugeteilte Platz ist eng und wird zunehmend enger, als wir bei brütender Hitze den Anker lichten. In der Nacht wird es bitterkalt, aber ein fantastischer Sternenhimmel wiegt alle Unannehmlichkeiten wieder auf – auch, daß das Schiff keine Toilette beherbergt und der Rauch der Dieselmaschine den Kopf benebelt. 18 Stunden später erreichen wir Bonerate, der Rücken schmerzt, der Schädel brummt, das Gepäck durchnäßt von Spritzwasser und der Feuchtigkeit der Nacht. Aber ich bin in Bonerate, einer Insel, deren Existenz ich vor 10 Tagen nicht einmal erahnte!

 

Hahnenkampf auf Bonerate

BONERATE

Fotografie: Hahnenkampf auf Bonerate

Von Samsjul keine Spur! Auch jeglicher Telefonkontakt bleibt aus. Der sympathische Besitzer des einzigen Zimmers, das es vor Ort mit verstelltem Meeresblick zu mieten gibt, meint vergnügt: „Try tomorrow again, Mister!“ Ich esse zwei Bananen und spaziere zur Pier. Auf zwei Motorrädern kommen zwei junge Männer dahergebrausst, steigen ab und fragen: „Bist Du Mr. Beat, der mit der Ovomaltine? Samsjul gab uns den Auftrag Dich zu suchen; er wohnt auf der anderen Seite der Insel.“

Die kommenden zwei Tage fahren wir kreuz und quer über die Insel. Schwimmen in Lagunen und Süsswassergrotten, besuchen Hahnenkämpfe, schauen den Magiern zu, wie sie die tödlichen Messer am Fuß des Hahnes befestigen und ihn mit geheimen Sprüchen beschwören. Bewundern ein stolzes rot und blau gestrichenes Fischerboot, das in der kommenden Woche mit einem großen Fest zu Wasser gelassen werden soll. Am Strand unweit von meiner Unterkunft sind ein gutes Duzend Pinisis im Entstehen. Überall winken mir die Leute zu: „Mister, Mister!“ Kein Wunder, auf diese Insel hat es schon lange keinen Weißen mehr verschlagen.

Nach einer Woche bietet sich die Gelegenheit zur Weiterfahrt auf einer Pinisi namens Medina. Ich solle ja pünktlich um 7 Uhr am Hafen sein, meint Kapitän Nidun, als wir ihn am Vorabend der geplanten Abreise besuchen. Um 9 Uhr hieven wir sein Motorrad in ein kleines Beiboot, dann an Bord. Um 10 Uhr kommt die Meldung: “Besok Baru Barakat!“ Verständnislos blicke ich zum Maschinisten. Mein kleiner Diktionär hilft: Reise auf morgen verschoben. Die Seeleute gehen wieder von Bord, der Kapitän war gar nicht aufgetaucht. Der Maschinist und ich verbleiben auf der Medina. Was soll ich an Land? Auf dem Schiff ist mir wohler und auch hier gibt es ein Motorrad. Und das steht still! Anderntags stellt sich heraus: Der Steuermann hatte einen über den Durst getrunken und war unpäßlich.

 

Manöver

MEDINA

Die Medina, 2008 gebaut, 27m lang, 6m breit und 200t schwer. Das Schiff ist vollgepackt. 100t Möbel, Matratzen, Eisschränke, Flachbildschirme, Reiskocher, Stromgeneratoren, Stereoanlagen, Karaokezubehör, eine Twin Tube Waschmaschine, zwei Tumbler, rot-weiss getupfte Fußbälle und tonnenweise Mehl. Um vier Uhr morgens lichten wir den Anker und fahren in die Nacht hinaus. Bei Sonnenaufgang und einem 800 ASA Film werden die Fotografien gestochen scharf. ­­­

8h 10. Kapitän Nidun nimmt eine kleine Kursänderung vor nach SSE 115° bei 5.5 Knoten. Das schreibt das GPS, das der Kapitän soeben an seine Motorradbatterie angeschlossen hat.

11h10. 4.1 Knoten bei starkem Gegenwind und Strömung aus Südost. Leichter Wellengang, teilweise bedeckt mit schwarzen drohenden Wolken. Der junge Maat, der das Steuer übernimmt hat schwer zu kämpfen, das Boot auf Kurs zu halten. Als Zwischenverpflegung Reisbananen und Schwarztee. Dazu die obligate Gudang Garang Zigaretten. Bedrohlich schwankt das Schiff; im Unterschiff purzelt die nur spärlich vertäute Ladung hin und her. Einer der beiden Jungmatrosen liegt seekrank auf dem Achterndeck und der Kapitän gibt Befehl zum Segelsetzen. Nur je ein Mann ist braucht es um die Fock und das Hauptsegel zu hissen. Die Segel aus blau-weiss kariertem Nylon sind leicht, trocknen schnell und sind unkompliziert in der Wartung.

16h. 4.6 Knoten. Bonerate ist am Horizont verschwunden. Trotz zusätzlicher Besegelung bleibt die Geschwindigkeit konstant. Ein schweres Schiff mit schwerer Ladung stemmt sich seinem Ziel entgegen. Wasser und Meer wohin man blickt. Nur klein am Horizont sind 6 Pinisis auszumachen. Alle mit blauen Segeln. Ich klettere vom Vorderschiff nach Achtern, wieder zurück und mache meine Bilder. Kein leichtes Unterfangen bei hohem Seegang, starkem Wind und klitschigem, naßgespritztem Deck.

19h. 6 Knoten. Wir halten Kurs. Nachtessen. Reis und Salz, ohne jegliche Zutaten. Niemand hatte heute Lust die Angel ins Wasser zu halten, um sein Glück zu versuchen, ohne Netz mache die Fischerei keinen Sinn, so der Kommentar. Aber die Crew liegt ohnehin darnieder. Vom Schlaf übermannt. Eingeschläfert vom monotonen und rüttelnden Motorengeräusch, benebelt von den giftigen Abgasen des lauten Dieselmotors.

 

 

 

 

 

 

Pinisi vor der Motorisierung. Gemälde von Mike Turusy, Makassar 2002

DIE MOTORISIERUNG DER PINISI

Pinisi Gemälde von dem Maler Mike Turusy aus Makassar, 2002

War es ein kluger Entscheid von der damaligen Regierung die Pinisis, diese prächtigen und einzigartigen Segelschiffe und Transportmittel, die seit einem halben Jahrtausend im Malaiischen Archipel unterwegs waren, allesamt per Dekret in Motorschiffe umzurüsten? War man sich der Konsequenzen bewußt und hat man das Pro und Contra gegeneinander abgewogen? Umweltverschmutzung, Rohstoffabhängigkeit, Gehörschäden, Vergiftungen, Volksgesundheit, Verlust eines der edelsten Kulturgüter Indonesiens, um nur einige Nachteile zu benennen. Sicher geht jetzt alles etwas schneller, als wenn das Schiff nur vom Winde getragen wird, dafür werden die Waren teuer und die Muße geht verloren. Aber in letzter Konsequenz, wenn alle etwas langsamer ginge, wäre das ein grosser Verlust?

Der Entscheid aus den 70er Jahren, alle Segelschiffe umzurüsten – und das ist um so bedauerlicher – hat einem der ältesten Kulturgüter Indonesiens, der Jahrtausende alten Segel- und Seemannskunst den Gnadenstoß verpaßt. Aber wie hat der Mitautor und Ratgeber meines Buches Dhau, Beatus Piratus auf Sindbads Spuren Professor Abdul Sheriff zu mir gemeint: „History is a one way street!“ Nur ein paar alte Seeleute die ich treffe, erinnern sich wehmütig an die stolzen Tage, als Indonesien die größte Segelflotte der Welt stellte. 4000 bis 5000 Segelschiffe sollen noch vor 40 Jahren im Archipel von Insel zu Insel gesegelt sein. Junge Seeleute aber haben kein Verständnis mehr für die alte Kunst, vom Winde getragen zum Ziel zu gelangen.

Auf meiner mehrmonatigen Reise im Archipel habe ich keinen einziger Segler mehr gesehen. Angeblich soll es aber noch wenige geben. Gebaut und ausgerüstet von Ausländern – für Touristen und 1000 Dollar pro Tag und Person.

Der Polizeichef: „Eine Bewilligung? Nie gehört!“

SURAT TANDA MELAPOR

Fotografie: Der Polizeichef: „Eine Bewilligung? Nie gehört!“

Zwei Jahre später; wir sitzen abermals fest! Zuerst hat der Ramadan die Pinisi-Flotte zum Stehen gebracht, jetzt der Rückreiseverkehr. Kapitäne und Seeleute sind mit Bus und Auto zu Festivitäten zu ihren Familien gefahren und sitzen jetzt irgendwo im Stau. Erschwerend kommt dazu, dass vor Sulawesi ein Sturm wütet – mit 5 bis 6 Meter hohen Wellen. Und ein Dieselmogul vor Ort hat künstlich Engpässe provoziert um die Preise hochzutreiben. Jetzt liegen 50 bis 60 Pinisis ohne Diesel im Hafen von Bitung im Norden Sulawesis.

Wenigstens haben wir die Papiere für eine Pinisireise und wissen inzwischen, wie man zu der Bewilligung kommt. Ganz anders im September 2012, da wurde meine Weiterreise in Makassar gestoppt. Die Agentur, auf deren Schiff ich später nach Balikpapan in Kalimantan mitfuhr, pochte auf den Paragraphen XY. Damit begann der Gang durch die Institutionen: Von Büro zu Büro, Amt zu Amt, Stempel zu Stempel, Warteschleife zu Warteschleife, verteilt in ganz Makassar. Der oberste Polizeichef fragt erstaunt: „Eine Bewilligung, um mit einer Pinisi mitzufahren? Nie gehört!“ Kratzt sich am Kopf und verweist uns ins Büro nebenan. Aco Ridwan hat sich bereit erklärt, mich bei meiner Odyssee zu begleiten. Als Robert Wilson Anfang 2000 I La Galigo in Makassar inszenierte, hat Aco als Tänzer mitgewirkt. Sureq Galigo ist eines der ältesten und umfangreichsten Epen der Weltliteratur, es ist die Entstehungsgeschichte der Bugis und der Menschheit. Wir reden über Einstein on the Beach und The Man Who Mistook His Wife for a Hat während wir einem Papier namens Surat Tanda Melapor hinterher rennen.

Drei Tage später ist es soweit, das Surat Tanda Melapor ist abgestempelt. Jetzt müssen nur noch der Agent und Kapitän das Papier unterschreiben und es muss von der Coast Guard beglaubigt werden. Wieso dieses ganze Prozedere? Der oberste Chef der Kriminalpolizei: Vermehrt würden Waren und Leute von kriminellen Banden nach Australien geschmuggelt. Wäre ich, ohne es zu ahnen auf solch einem Schiff und würde ohne Surat Tanda Melapor von der Coast Guard aufgegriffen, so würde ich wie alle anderen im Gefängnis landen!

 

Die Medina, schwimmend vom Wasser aus fotografiert

DIE STARKE STRÖMUNG MACHT DER MEDINA ZU SCHAFFEN

Der Rest der Reise mit Kapitän Nidun war unspektakulär. Abgesehen von einen furchterregenden Gewittersturm mit Donner und Blitz und daß ich zur Freude Aller am dritten Tag einen Fisch fing, gibt es wenig zu berichten. Dass ich kein Wort verstand, was meine Seemannsfreunde mir berichten wollten, beruhte auf Gegenseitigkeit: Auch sie verstanden nicht, was ich sagen wollte. Aber muß man immerzu fragen, um etwas zu verstehen?

Nach vier Tagen erreichten wir die Ostküste der Insel Flores und versuchen von Norden herkommend, unseren Bestimmungsort Larantuka anzusteuern. Strömung und Gegenwind sind allerdings dermaßen stark, daß es sich als unmöglich erweist, mit dem schwerbeladenen Schiff bis zum Hafen zu kommen. Gegen vier flaut der Wind ab, sagt Kapitän Nidun und geht vor Anker. Wunderbar sage ich mir; binde mir ein langes Seil um den Bauch, lege mir die Unterwasserkamera zurecht und springe zum Entsetzen der Crew über Bord. Kein Wunder, keiner der Besatzung kann schwimmen! Die Strömung ist nicht zu unterschätzen, dennoch gelingt es mir, mit Schwimmflossen einmal um das Schiff zu schwimmen und eine Anzahl Fotografien zu machen. Gegen vier Uhr nachmittags hat der Wind gedreht und die Strömung nachgelassen. Noch am selben Abend lerne ich Antonius Bataona kennen.

Zwei Jahre später mache ich eine weitere Bekanntschaft in Larantuka. Ein Mann steht auf einem Hügel am Strand mit Stativ und einer langen Optik. Es ist ein Fotograf aus Maumere, der mit einem deutschen Forscherteam und der hiesigen Regierung zusammenarbeitet. Die starke Strömung soll genutzt werden und ein Gezeitenkraftwerk ist geplant. Aber schwieriger als man glaubt! Bis jetzt sind alle Turbinen, die man installiert hat von der Strömung weggerissen worden, meint er nachdenklich und widmet sich wieder seiner Fotografie.

 

Die neu aufgebaute Orang Laut Siedlung in Sorong

ORANG LAUT

Orang Laut sind die Zigeuner oder die Leute des Meeres. Neulich fielen mir wieder die Aufzeichnungen des Forschungsreisenden und Filmemachers, Baron Victor von Plessen in die Hände. Er bereiste Indonesien in den 1920er und 1930er Jahren und beschreibt die Orang Laut in seinem unveröffentlichten Malaiischen Tagebuch wie folgt:

„Die Orang Laut leben mit ihren Frauen und Kindern auf den Schiffen und gehen fast nie an Land. Für sie hätte der liebe Gott am zweiten Schöpfungstag aufhören können, als er das Meer schuf. Irgendwo an einer entlegenen Küste stehen ein paar Pfahlhütten, weit ins Meer hineingebaut. Das sind ihre Dörfer, fast immer leer. Tief sitzt das Misstrauen gegen das feste Land und seine Bewohner den Orang Laut im Blut. Nur wenn die Notwendigkeit sie zwingt, gehen sie an die Küste, um Wasser aufzunehmen und Fische gegen Reis und Werkzeuge zu tauschen. Es sind ausgezeichnete Seeleute, die das Meer und alle seine Tücken kennen“.

Inzwischen ist dieses einmalige und ehemalige Seefahrervolk grösstenteils verschwunden, gezwungen durch fragwürdige Regierungsprogramme und andere Gründe. Heute leben die ehemals stolzen Völker entwurzelt in auf Stelzen gebauten Hütten in armen und ärmsten Verhältnissen am Stadtrand im Meer. In Sorong gibt es einige solcher Siedlungen. Eine davon ist vor drei Jahren völlig ausgebrannt. Nun wird die Siedlung wieder aufgebaut. Alle Bewohner haben einen Geldbetrag erhalten, um das nötige Holz zu kaufen. Für den Wiederaufbau sind sie selber verantwortlich. Ein sehr sinnvolles Unternehmen und es wird gebaut, gehämmert und gesägt was das Zeug hält. Nur eines ist vergessen gegangen bei diesem Vorzeigedorf: Die Abwasserentsorgung und die Kanalisation. Und so plumpst nach wie vor aller Unrat ungefiltert und direkt unter die Häuser ins Wasser.

Während unserem Besuch plumpst noch etwas anderes zwischen den neugebauten Häusern ins Meer. Ein dreijähriges kleines Mädchen. Sofort springen drei Orang Lauts hinterher um das arme Ding zu retten. Später sitzt sie da, die Kleine, erschrocken und weinend, pustet und spukt. Sie ist noch einmal – im wahrsten Sinne des Wortes – mit einem blauen Auge davongekommen. All das Wasser aber, welches das kleine Mädchen in der Kloake geschluckt hat, dient wohl der Stärkung des Immunsystems…

Kanubau mitten im Dschungel in Neu-Guinea

DER BÖSE TRAUM

Als wir mit Coast Guard Henkie nach Kokas Kota unterwegs waren trafen wir auf 800m Höhe einen Papua, der aus einem großen Baum ein Kanu fertigte.

Einige Tage danach auf dem Meer von Fafanlap nach Salafen hatte ich einen eigentümlichen Traum: Ich war versehentlich im Kochtopf gelandet. Wüste Gesellen und wilde Frauen mit krausem Haar und fürchterlichem Geschrei tanzten um mich herum. Papuas mit angemalten Gesichtern. Mit Spiegeln, Glasperlen, Ringen, Knochen in Haar, Nase und Ohr. Viel Funkelndes und Glitzerndes schmückten ihre stählernen Körper. Mit wildem lautem Geschrei und den Rhythmen von dumpfen Trommeln wurde ich ins Verderben gesiedet. Schweiß gebadet fand ich mich zurück auf meiner harten Schlafkoje, glücklich den Kannibalen entkommen zu sein. Und das Schlimme am Traum, der Kanubauer waren deren Häuptling!

Kannibalismus war noch bis vor kurzem, so ist unzähligen Untersuchungen und zeitgenössischen Berichten zu entnehmen, ein Bestandteil der Kultur auf Neu-Guinea. Als deutsche Missionare aus Deutsch-Neuguinea um 1900 von dieser Untugend berichteten ging ein Schrei der Empörung durch Europa. Ausgerechnet Europa, welches seit 1500 durch Eroberungszüge durch die Welt, von Feuerland bis Tasmanien, von Mexico bis zur Südsee Kulturen vernichtet und Millionen von Leuten umgebracht und massakriert hatten, war jetzt außer Rand und Band. Nur weil sich am Ende der Welt einige Stämme Krieg führten und sich nach den Kämpfen ein Siegesmahl genehmigten. Die Missionare antworteten mit erhobenen Zeigefinger, und brachten den Kannibalen die Bibel. Das deutsche Reichskolonialamt reagierte mit harter Hand und Strafexpeditionen. Meist ohne Erfolg. Wer wagt sich schon gerne in das Dickicht der Regenwälder in Neu-Guinea?

Während ich mir das Alles auf meiner Koje durch den Kopf gehen lasse, fällt mir der Bootsbauer wieder ein. Gut war ich nach Kokas Kota mit dem Motorrad unterwegs und nicht am Abend zu Fuß…

Kapitän der "Sabuk Nusantara 33"

MIT DER „SABUK NUSANTARA 33“ UNTERWEGS

Eine Schiffssirene ertönt. Wir laufen zum Hafen und springen an Bord. Vorbei an mobilen Händlern und der Crew. Hier sind Passagiere, Mannschaft und Verkäufer kaum voneinander zu unterscheiden. Wir fragen einen kleinen Mann nach dem Kapitän. Das sei er, meint er kurz angebunden und offeriert uns eine Kajüte mit zwei Betten, einem zugesperrten Schrank, einem Stuhl und einem Tisch. Wenig später nehmen wir Kurs Richtung Süd-West.

Unsere Reise unterscheidet sich so gut wie in allem von jener des Magellan. Aber nicht so sehr von desAlfred Russel Wallace, Entdecker, Linguist, Evolutions- und Naturforscher, Botaniker und Zoologe, der 1854 bis 1862 im Malaiischen Archipel unterwegs war und seine außerordentlichen Forschungen betrieb, sammelte und über 100 000 fein säuberlich präparierte, zum Teil bis anhin unbekannte Tier- und Pflanzenexemplare zurück nach England brachte.

Auch wir steuern mit unserem Schiff die kleinsten Häfen an im Archipel. Kleine unscheinbare und von der Welt vergessene Orte, weit ab von jeder Schiffsroute: Bula, Kobi, Wahai auf der Insel Seram; Fafanlap, Salafen und Katapu auf Misool. An jedem Ort ist unser Schiff die Verbindung zur Außenwelt und Verdienstmöglichkeit zugleich. Überall wird Essen feilgeboten, während im Hafen Waren aus- und eingeladen werden. In Salafen bietet der Ortspolizist seine selbstgezogenen Wassermelonen an, auf der Schulter ein Kakadu. Der Kapitän lädt ein zum Schnaps und erzählt Seemannsgarn. Seine unzähligen Freundinnen singen Karaoke, laut hörbar über den Bordlautsprecher. Als wir aber in Sorong und wieder in Neu Guinea einlaufen sind Mannschaft, Matrosen, Offiziere und Kapitän kaum wiederzuerkennen. Alle fein gestriegelt in weißen und blauen Uniformen mit Bügelfalten.

Ein gravierender Unterschied besteht allerdings zwischen der Reise des Alfred Russel Wallace und der unsrigen: Wallace war mit Segelschiffen unterwegs. Zudem: Sklavenhandel und Piraterie gehörten damals ebenso zum Alltag wie der Kannibalismus!

 
Die vierjährige Juna mit ihrem Smartphon

COFFEE SUSU UND DIE PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

Ich sitze vor einem Kiosk auf der Strasse und trinke Coffee Susu. Juna, die Tochter der Besitzerin, kaum vier Jahre alt, spielt mit ihrem Smartphone und nimmt mich ins Visier. Die Bedienung von Telefonen oder Smartphones, das Chaten, SMS verschicken, Spielen, Fotografieren etc. scheint hier im Land eine Hauptbeschäftigung der jungen Leute zu sein.

Zur Zeit wird ein neuer Präsident gewählt. 190 Millionen Bürgerinnen und Bürger sind an die Urne gebeten. Aus über 7000 Inseln und aus Übersee müssen Voten eingesammelt, begutachtet und gezählt werden. Ein logistisches Meisterwerk! Nach Jahrhundert langer Fremdherrschaft durch Europäische Mächte geprägt durch Gewalt, Kriege, Zwiste und später durch Diktatoren aus den eigenen Reihen hat Indonesien jetzt die Möglichkeit zu einem demokratischeren System und zu mehr Gerechtigkeit. Seit Monaten flimmern die beiden zur Wahl stehenden Kandidaten über die Bildschirme in jeder Hotellobby, jedes Restaurants, Hauses, jeder Hütte und in jedem Bus. Kein Schiff, kein Geschäft ohne ständige und laute Fernsehpräsenz. Die beiden Kandidaten könnten unterschiedlicher nicht sein! Der eine vertritt das Gestern. Der andere das Morgen. Der gestrige ist ein Mann des Militärs, heute Geschäftsmann, mit der Tochter eines ehemaligen Diktators verheiratet, groben Menschenrechtsverletzungen bezichtigt, darf nicht in die USA einreisen, repräsentiert lautstark die starke Hand und wird gestützt von einer Vielzahl jener, die Dank unlauteren Methoden zu Macht, Geld und Ansehen kamen. Ganz anders sein Gegenspieler. Als Kämpfer gegen die weitverbreitete Korruption hat er durch Ideenreichtum in großen Teilen der Bevölkerung viele Sympathien und Zustimmung gewonnen und bei Diskussionen, Wahlveranstaltungen und Fernsehduellen durch sein bescheidenes Auftreten und seine kluge Argumentation eine gute Figur gemacht.

Bereits wenige Stunden nachdem die Wahllokale geschlossen sind flimmert im Kiosk von Juna’s Mutter aus allen Landesteilen die ersten Hochrechnungen und Wahlresultate auf Juna’s Mutters Kiosk-TV. Ist die Generation, die mit ganz anderen Kommunikationsmitteln und einer anderen Selbstverständlichkeit an die Kommunikation herangeht besser gewappnet für die Zukunft frage ich mich? Nachdem ich mein Coffee Susu ausgetrunken habe erkundige ich mich bei Juna was sie da täte?! Sie dreht ihr mobiles Gerät und zeigt mir den Film, den sie gerade von mir gedreht hat…

 

 

Ferdinand Magellan. Zeitgenössische Darstellung

FERDINAND MAGELLAN

Neben etlichen anderen Büchern die ich auf meiner Reise im Gepäck mitführe ist eine Beschreibung von Stefan Zweig, der versucht, die erste uns bekannte Weltumseglung – jene von Admiral Ferdinand Magellan – minutiös nachzuempfinden. Angereichert mit Auszügen von Magellans italienischem Chronisten Antonio Pigafetta aus Vincenza.

Was für eine Leistung, was für eine Tragik, diese Umrundung der Erde damals. Eine Reise, begonnen 1519 in Sevilla, mit der Absicht die Gewürzinseln der Molukken von Westen her zu finden. Zu einer Zeit, da noch immer Viele glaubten und die Kirche darauf pochte, die Erde sei eine Scheibe. Im ausgehenden Mittelalter war der portugiesische Entdecker Magellan mit einer Armada von fünf Schiffen und 237 Seeleuten unter spanischer Flagge loggesegelt, basierend auf wagen Berechnungen und Kartenmaterial, es gäbe noch einen anderen Weg als jenen um das Kap der Guten Hoffnung zum heutigen Indonesien. Trotz der damaligen falschen Annahme, Südamerika sei mit einem südlichen Kontinent verbunden, fand er die heute nach ihm benannte Magellanstrasse und durchquerte als erster Europäer den Pazifik, von dem man damals nur ahnte, daß es ihn geben mußte.

Aber zu was für einem Preis! Von der damaligen Mannschaft von 270 Seeleuten hatten lediglich 18 überlebt. Alle anderen waren Skorbut oder anderen Krankheiten zum Opfer gefallen, waren verhungert, desertiert, ertrunken, ermordet, gehängt, geköpft, getötet oder ausgesetzt worden. Auch Magellan war es nicht besser ergangen. Auf der philippinischen Insel Cebu wurde er in einem Gefecht mit Eingeborenen tödlich verletzt.

Wieviel einfacher ist doch das Reisen im Archipel heute, schießt es mir durch den Kopf, als wir Ende Juni in Fak Fak mit der Sabuk Nusantara 33 Richtung Sorong in See stechen!

Coast Guard Henkie Imanuel Parinussa

REISE INS UNGEWISSE

Tauchgang mit Coast Guard Henkie

Wie organisiert man eine Reise wie die Unsrige, wird sich der Leser fragen? Mir ging es genau so! Alle fünf oder sechs Tage ein neuer Ort. Wie kommt man von Hafen zu Hafen, von Insel zu Insel, was für eine Reiseroute einschlagen? Wo Essen, wo schlafen, auf was und wen das Augenmerk legen, was Tun und was Lassen? Wem sich anvertrauen, wem nicht? Inzwischen und nach dreimonatigem Unterwegssein hat sich die Antwort herauskristallisiert: Coast Guard (Küstenwache)!

Das Ganze hat eine seltsame Bewandtnis: Letzten Herbst war ich in Bogota in Kolumbien engagiert: Ausstellung und Vorlesung an der Uni. Auf dem Rückflug Zwischenstopp in Paris. Im Transitbereich treffe ich auf eine Anzahl Leute, die eine mir nicht unbekannte Sprache sprechen: Indonesisch! Es sind 22 Coast Guards aus ganz Indonesien auf dem Weg zur Weiterbildung nach Bremen. Wir tauschen Adressen aus und sechs Monate später betreten wir das Büro der Küstenwache in Ambon. Die Überraschung ist gross, das Gespräch kurz. „Ihr wollt nach Neu Guinea? Entweder in zwei Stunden oder in zwei Wochen!“ Wir sputen uns, zwei Stunden später stechen wir in See. Weiter geht die Reise.

 In Fak Fak wiederholen wir dasselbe. Der erste Besuch gilt der Küstenwache. Abermals ein herzliches Hallo. Der Eine, Henkie Imanuel Parinussa überlässt uns sein Motorrad, tagsdarauf bin ich von Zweien der Coast Guards zu einem Tauchgang eingeladen, die Abende verbringen wir bei gemeinsamen Nachtessen – bei gebratenem Fisch, Reis und Gemüse; wie jeden Tag, die letzten zwei Monate. Am Wochenende fahren wir auf zwei Motorrädern durch den überwältigenden Dschungel über 950m hohe Berge auf die andere Seite des Inselabschnittes nach Kokas Kota.

Wie wir allerdings von Fak Fak aus weiterkommen, darüber können bei Abschluss dieses Blogeintrages auch die Coast Guards keine Auskunft geben. Das wissen allenfalls die Götter.

Schiff auf Ölsuche vor Fak Fak

FAK FAK UND DAS ÖL

In Fak Fak herrscht ungewöhnliche Betriebsamkeit und viel Neues ist am Entstehen. Im Hafen wurde Land aufgeschüttet um die Hafenanlage zu vergrössern und entlang der Hafenpromenade entsteht ein neues Geschäft am andern. Die Geschäfte gehören fast ausschliesslich Chinesen und das Warenangebot ist äusserst reich und vielfältig. Auch alle wichtigen und offiziellen Stellen in der Stadt sind von Leuten besetzt, die nicht aus Papua stammen, sondern nach Fak Fak versetzt wurden oder sich aus freien Stücken hier angesiedelt haben.

Am Nachmittag schlendern wir der Pier entlang, als ein grosses und gut ausgerüstetes Schiff anlegt. Erstmals seit sechs Wochen sehe ich wieder ein weisses Gesicht. Und zwar gleich fünf! Fünf müde unfreundliche und düster dreinblickende Männer Mitte 50 entsteigen dem Boot, in einen Bus. Ich spreche einen – er erinnert mich unweigerlich an John Wayne – an und frage nach ihrer Absicht. „Öl und Gas suchen“ meint der unrasierte und braungebrannte Australier kurz angebunden. Ob er denn schon fündig geworden sei, frage ich höflich. „No, not yet!“ meint er grimmig und rauscht im Bus mit den vier anderen Missmutigen davon zum Flughafen.

Am Abend sitzen wir im Angelo, ein von einer Chinesin geführtes Restaurant. Am Nebentisch sitzt ein Papua und wir fragen, was er von der Öleuphorie halte? Die Bohrungen würden unweit von Fak Fak mit einer Art Schallgerät durchgeführt und hätten ein grosses Fischsterben zu Folge gehabt. Auch hätte sie, die Papuas, wenig von dem bevorstehenden Boom. Profitieren würden die Anderen. Die Australier, die Europäer, die Neuansiedlern und die Mächtigen in Jakarta; ihm bleibe nur der tote Fisch!

Die Muskatnuss, Smaragd des Äquators

AMBON UND DIE MUSKATNUSS

AMBON. 21. JUNI 2014

In einer Hauptstrasse von Ambon sitzt ein dicker sympathischer Chinese und hantiert an seinen beiden Smartphones. Vor seinem kleinen Lagerhaus auf dem Trottoir trocknen frische Nelken. Er bittet uns herein und erzählt von seinen Geschäften und der Geschichte der Gewürzinseln. Im ersten Stock sitzen drei Studentinnen und sortieren Muskatnüsse. Ein älterer Herr verpackt Nüsse und Nelken während der Chef am Telefon mit einem Kunden in Hong Kong verhandelt. Chang exportiert Muskatnüsse, Nelken und Kakao nach Korea, Japan und China, nur die beste Qualität, wie er meint.

Die Gewürzinsel Ambon und einige anderen Nachbarinseln der Molukken waren lange die einzigen Orte der Welt wo Gewürznelken und Muskatnüsse wuchsen. Beide Gewürze finden in der Küche, traditionellen Heilkunde, Medizin und Kosmetik Anwendung und waren bereits im Altertum wertvolle Handelsware. Julius Caesar waren die Molukken unter dem Namen Supercilium Mundi bekannt; für Chinesen, Araber, Inder und Europäer waren beide Gewürze edles Handelsgut und als Smaragd des Äquators bekannt.

Chang erzählt, die Geschäfte gingen gut und in der kommenden Woche würde er mit 40 anderen Chinesen in die Schweiz fliegen. Ich frage wohin? Chang hat keine Ahnung. Er meint, alles sei organisiert, greift zum Telefon und spricht kurz mit dem Reiseleiter: Von Zürich aufs Jungfraujoch meint er stolz und erzählt, die Reise würde eine Woche dauern. Ich entgegne, dass sei etwas kurz für die Schweiz! Aber Chang drückt seine Zigarette in den bereits übervollen Aschenbecher und meint: „Not too short; time is money!“ Ob er Frau und Kinder mitnehme? Nein, meint er mit einem zufriedenen Lächeln: “Die fahren nach Hong Kong; zum Disney Park!“

Beat Presser erzählt von seiner Reise auf dem Meer

MUSLIME und CHRISTEN

AMBON. 18. JUNI 2014

Kaum der Sinabung entstiegen begegne ich John. Er sieht mich, steigt von seinem Motorrad und fragt: „Anything I can do for You?“ Ich frage nach dem Weg nach Latu Halat und überlasse ihm meine Telefonnummer. Anderntags 7 Uhr läutet mein Telefon. Ob ich an seiner Schule Englisch unterrichten wolle? Er käme sogleich und hole mich ab. Ich vertröste ihn auf 10, pünktlich ist er da. Drückt mir einen viel zu kleinen Helm – eine Art Kinderplastikbadewanne – in die Hand und will gleich los. Zuvor aber zeigt er meinem Begleiter Antonius Waffenschein und Pistole. Er sei Christ und würde an einer Schule für Muslime unterrichten. 1999 sei es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen mit über 10 000 Toten gekommen. Ein lange andauernder Konflikt und er müsse gewappnet sein.

Wir steigen aufs Motorrad und fahren nach Ambon. Eine hüglige Stadt mit vielen Tälern, viel fruchtbarem Grün. Vorbei an großen Stoffflaggen. Deutschen, französischen, brasilianischen, holländischen. Eine internationale Konferenz in der Stadt? Ich frage nach und bekomme zur Antwort: „Holland wird Fussballweltmeister!“ Ich entgegne: „Stimmt nicht, die Schweiz gewinnt.“ John muß dermaßen lachen, daß er beinahe ein Huhn überfährt und vom Motorrad fällt.

Die Schule ist eine kleine. Knapp 40 Schüler, alles Waisen oder Halbwaisen, die hier unterrichtet werden und ganz gespannt und fasziniert meinem Unterricht folgen und sich wohl denken: „Da steht einer erzählt von seiner Seereise, von den Schweizer Bergen, von der Geographie. In der Hand hält er einen Globus aus Plastik den er so schnell durch die Luft jongliert und uns die Welt erklärt, so daß wir die Schweiz und Südamerika durcheinander bringen. Zum Schluß, als er das Klassenfoto knipst, steht er mit seiner roten Clownsnase im Klassenzimmer!“

Vor dem Sturm ist nach dem Sturm

Rauch und Sturm

AUF DEM MEER. 17. JUNI 2014

Indonesische Männer rauchen gern. Ungeniert, viel, überall und jederzeit. Alle Schlaf- und Aufenthaltsräume sind verraucht. Obwohl immer wieder die Durchsage über den Bordlautsprecher ertönt, man solle innerhalb des Schiffes auf das Rauchen verzichten und Rücksicht auf Frauen und Kinder nehmen, bleibt die Aufforderung ungehört. Bis noch vor kurzem waren es die nach Nelken riechenden Kretek Zigaretten, die den Lebensraum der Leute anreicherte. Seit vor wenigen Jahren Philip Morris die eine oder andere indonesische Kretek Zigaretten – Marke aufgekauft hat, verdrängt der neue Duft aus den Vereinigten Staaten den alteingesessenen lokalen Nelkenduft.

An Deck ist es luftig und kühl. Der Boden hart und unbequem, aber viel angenehmer als in den überfüllten und verrauchten Innenräumen. Gegen Mitternacht des zweiten Tages bedeckt sich der Himmel bedrohlich – gepaart mit hohem Wellengang. Dann fegt tropischer Regen über die Sinabung. Passagiere, die neben uns einen Schlafplatz gefunden hatten und die Verkäuferinnen flüchten von Deck ins ohnehin bereits übervolle Bootsinnere um irgendwo noch ein kleines und trockenes Plätzchen zu finden.

Ich stülpe meine Regenjacke über, schütze meine Kamera gegen den Regen und schreite das Deck ab. Was vor Stunden noch einem Rummelplatz glich, ist jetzt leergefegt. Keine Seele an Deck. Nur der Regen und das Pfeifen des Windes sind zu hören. Mit einem Mal gleicht die Sinabung einem Geisterschiff.

Ein Königreich für einen Schlafplatz

Von Bau Bau nach Ambon

AUF DEM MEER. 16. JUNI 2014

Sinabung. Das prächtig beleuchtete Schiff legt an. Hunderte von Leuten, voll bepackt, umgeben von noch mehr bepackten Trägern entleeren den Bauch des Schiffes. Dennoch, als wir endlich an Bord sind, mit jenen die mit uns gewartet haben, ist kein Platz mehr zu finden. Alles ist belegt, die Schlafräume, die Gänge, die Treppen. Überall Leute, die von Insel zu Insel reisen um Familie und Verwandte zu besuchen oder ihren Geschäften nachzugehen. Auf Deck aber finden wir noch Platz, zwischen Verkäuferinnen, die am Boden sitzend ihre Waren feilbieten. Von Kaffee und Gebäck bis zum elektronischen Gerät ist so ziemlich alles zu finden, was man sich vorstellen kann. Als der Imam zum Morgengebet ruft stechen wir in See.

Als der Tag anbricht ist Sulawesi nur noch silhouettenhaft im Nebel erkenntlich. Inzwischen macht der Seegang einigen Passagieren zu schaffen. 4 – 5 Meter hohe Wellen, Windstärke 5 – 6, eine Bugwelle, die sich bis zu 10 Meter der Bordwand empor bäumt, bringt selbst ein grosses Schiff wie die Sinabung zum Schaukeln.

Über Lautsprecher wird die Billetkontrolle angekündigt. Alle Türen werden verschlossen. Jene, die sich im Schiff befinden bleiben drinnen; alle anderen draussen. Alles wird abgesperrt, dann beginnt eine akribische Kontrolle. Selbst die Rettungsboote werden durchsucht. Wahrscheinlich sucht man nach den sechs blinden Passagieren, die sich in der Nacht zuvor dem Tau der Bordwand emporgeangelt haben. Nach der erfolglosen Kontrolle und Suche ertönt abermals der Bordlautsprecher. Eine Einladung zum Besuch im Bordkino mit einem ganz speziellen Leckerbissen: Ein Actionfilm mit Arnold Schwarzenegger…

Logo der Schiffahrtsgesellschaft Pelni

Ein Schiff wird Kommen

BAU BAU. 15. JUNI 2014

Wir kaufen uns zwei Tickets Economy Class von Bau Bau nach Ambon. 12 Uhr mittags sollen wir uns an der Pier einfinden, um 13 Uhr würden wir in See stechen. 12 Uhr, noch kein Schiff. Dafür ein großer Platz, fliegende Händler mit Wasser, Eßwaren, Handelswaren jeglicher Art und Hunderte von Passagiere, die der Dinge harren, die da kommen mögen. Die Leute vertreiben sich die Zeit mit Kartenspiel und Schach; es wird geschlafen, gegessen, gewartet, gelacht, flaniert, gestaunt. Alles geht friedlich von statten. Keine Unrast, kein Murren, keine Beschwerden. Alles wartet geduldig auf das große Pelni Schiff. Hier ist Warten ein Teil des Lebens und von Gott gegebene Zeit.

Die großen Linien in Indonesien werden von der Schiffahrtslinie Pelni betrieben. Mit über achtzig, meist in Papenburg (Deutschland) gebauten Schiffe, bedienen sie regelmäßig große Teile des immensen Inselreiches. Auf den Schiffen befinden sich ein Bordrestaurant, eine Karaokebar, eine Tanzbühne, eine Moschee und vier verschiedene Passagier–Klassen. Je nach Bedürfnis und preislich abgestuft.

Ich nutze die Gelegenheit, schlendere zum Büro der Coast Guards, stelle mich kurz vor und erhalte die Erlaubnis einige der wachhabenden Offiziere zu portraitieren. Alles geht locker und humorvoll über die Bühne. Dann gehen wir essen, vertreten uns die Füße, trinken einen weiteren Mangosaft und vertreiben uns weiter die Zeit mit Lesen. Später begeben wir uns wieder zum Hafen. Auf dem Weg summe ich Lale Andersens Lied Ein Schiff wird kommen. Just bei der Strophe: Und warte auf die fremden Schiffe aus Hong-Kong, aus Java, aus Chile und Shanghai höre ich die Schiffssirene. Inzwischen ist es 1h morgens.

Vollgepackte Pinisi kurz vor der Abfahrt

Bau Bau

16. Juni 2014

Bau Bau ist eine kleine am Meer gelegene Stadt auf der Insel Buton in Ost Sulawesi. Eine Stadt, wie es wohl Hunderte gibt im indonesischen Inselreich. Alles was nicht aus der Landwirtschaft stammt wie Reis, Mais, Sago, Kopra, Tabak, Kaffee oder Zuckerrohr, was nicht aus dem Wald oder im Meer gewonnen wird, muss per Schiff nach Bau Bau und auf die über 6 000 anderen bewohnten Inseln gebracht werden. Vom Nagel zur Elektronik, von Frischprodukten zum Motorrad, vom Smartphone zur Trockenmilch.

Enorme Anstrengungen werden unternommen und eine komplizierte Logistik ist von Nöten, um einer immer größer werdenden Nachfrage nach Produkten gerecht zu werden. Murhum, der Hafen von Bau Bau ist ein geschäftiger Umschlagplatz für Waren und Passagiere. Hier laufen alle nur möglichen Schiffe ein und aus: Kleine und große Schiffe. Perahus. Schnellboote mit Cafeteria und Karaokeraum. Linienschiffe für über 1000 Passagiere nach Makassar, Surabaya, Kijang, Namlea, Ambon, Ternate, Balikpapan und Bitung.Passagierschiffe zu kleineren Häfen in Sulawesi. Zubringerkanus. Fischerboote. Containerschiffe. Öltanker nach Surabaya und Semerang. Fährschiffe für Passagiere und Autos, die im Zweistundentakt benachbarte Inseln wie Waara, Dongkala, Kassipute, Raha oder Kendari ansteuern.

Zwischen Murhum und dem Fährhafen liegt ein winzig kleiner Hafen. Nur fünf oder sechs kaum 7 oder 8 Meter lange Pinisis liegen hier vor Anker. Da wollen wir mitfahren! Im Kanu fahren wir zu einem der Schiffe um nachzufragen; aber für einmal ist uns das Glück nicht hold. In der Nacht zuvor hat eine Pinisi, vollgepackt mit Matratzen und Konservenbüchsen, den Hafen Richtung dem 550 Seemeilen entfernten Ternate auf den Molukken verlassen. Die nächste Pinisi wird erst wieder in 10 Tagen auslaufen. Solange wollen wir aber nicht warten und entscheiden uns für das Linienschiff.

Angeschwemmter Abfall in Bau Bau

Abfall im Meer

Rückblick: Auf der Überfahrt nach Tarasu wird eines Abends der Abfall im Meer und anderswo diskutiert. Hier in Indonesien gehört es dazu alles unnötig gewordene oder Abfall gedankenlos zu entsorgen. Im Auto, Bus, Zug, Schiff; alles was nicht mehr gebraucht, wird nicht in dafür vorgesehene Abfalleimer getragen, sondern der Einfachheit halber zum Fenster hinausgeworfen. Auch das Meer eignet sich bestens als Müllhalde. Für einen Schweizer oder Singapurianer ein undenkbarer und barbarischer Akt. Auf Yukris Pinisi allerdings weht ein anderer Wind. Vier Abfallkübel verpflichten die Matrosen dazu, Plastik, Flaschen, Papiere, Verpackungen, Zigarettenstummel und Anderes nicht ins Meer zu werfen.

Zwei Matrosen, Jon und Simon haben noch bis vor kurzem als Fischer gearbeitet und haben erst vor sechs Monaten ihre Tätigkeit gegen ihre Jetzige eingetauscht. Sie erzählen von ihren Nöten als Fischer ihr Leben zu fristen und ihre Familien zu ernähren. Was am meisten frappiert an ihrer Erzählung, daß Plastiksäcke und Petflaschen, die sich herrenlos an der Wasseroberfläche bewegen von kleineren Fischen und Fischschwärmen als große Fische wahrgenommen werden. Die Fische würden deshalb vor einer geglaubten Bedrohung ins offene Meer abwandern. Dort seien große Fischfangflotten unterwegs und würden in großem Stil das Meer ausfischen. Für Fischer mit ihren kleinen Perahus sei es zu gefährlich sich ins weite Meer hinauszuwagen um zu fischen. Dies hätte sie gezwungen ihren Beruf aufzugeben und sie wollten es jetzt als Seeleute versuchen.

Erschreckend, meint der nachdenkliche Kapitän Yukri, was sinnlos im Meer entsorgte Plastikteile für eine Kettenreaktion auslösen können. Von winzigen Plastikpartikeln, die übers Meer und den Fisch in die Nahrungskette gelangen einmal abgesehen!