PEPITA und JIRI NOVOTNY im Gespräch mit BEAT PRESSER. Frühjahr 2010

Bildschirmfoto 2014-06-09 um 21.26.02

Kannst Du uns etwas über die Entstehung Deiner Fotografien erzählen?

Die meisten meiner Fotografien sind unter extremen und abenteuerlichen Bedingungen entstanden. Die Fotografie auf dem Titelbild für die Ausstellung in Eurer Galerie – der Fotogalerie Novotny – aber ist unter atypischen Umständen entstanden. Bei mir Zuhause. Bei uns im Haus lebt eine Familie aus Sri Lanka. Eines Tages kam Rebecca und fragte, ob ich nicht ihre Familie portraitieren könnte, für jene zuhause auf der fernen Insel. Wir einigten uns darauf, dass wir das Familienportrait in unserem kleinen gemeinsamen Garten inszenieren würden. Während sich die Familie ankleidete, schminkte und schön machte, stand mit einem Mal ihre Tochter neben mir und meinte: „Quickly Quickly, Beat, take a picture of me before the whole family comes!“ Ich konnte gerade drei mal den Auslöser betätigt und schon stand die Grossfamilie im Garten. Entstanden ist eine fotografische Perle. Von einem kleinen Mädchens namens Pearl.

Wie und wann hast Du mit der Fotografie angefangen?

Mit 7 Jahren habe ich meine ersten Fotografien realisiert. Mir einer 6×6 Dacora Kamera. Aber wirklich angefangen habe ich erst mit fünfzehn. Damals hat mich mein Schulfreund Bernhard Burckhardt in sein Fotolabor mitgenommen. Ein magischer und faszinierender Ort. Als ein erstes fotografisches Abbild auf dem Papier erschien, da wusste ich – Ich werde Fotograf ! Der Entschluss war gefasst. Als erstes habe ich mir im Schlafzimmer eine Dunkelkammer eingerichtet, mit 19 die Schule beendet und im Anschluss bin ich um die Welt gereist. In den vorderen Orient, nach Afrika und nach Asien. Alleine und ohne Kamera. Mit 20 kehrte ich in die Schweiz zurück und begann meine Ausbildung zum Fotografen. Drei Jahre lang war ich Assistent für Modefotografie, zuerst in Basel, dann Paris und New York. Nach drei Jahren Modefotografie hatte ich allerdings genug von der Modebranche und entschied mich dazu Kameramann zu werden.

Wie kamst Du zu Werner Herzog?

Werner Herzog lernte ich am Flughafen kennen. Nach meiner Ausbildung zum Fotografen und Kameramann habe ich zusammen mit dem Ökonomen Rolf Paltzer die Fotozeitschriften Palm Beach News und The Village Cry veröffentlicht. Eine der Ausgaben handelte vom Film und hatte den Schweizer Filmemacher Daniel Schmid und den Schauspieler Klaus Kinski zum Thema. Ich habe die beiden bei ihren Dreharbeiten in Soglio und Paris portraitiert und Kinski erschien auf dem Titel von The Village Cry. Fünf Jahre später, Anfang der 80er Jahre, begann Werner Herzog in Peru mit den Dreharbeiten zu seinem Dschungelepos Fitzcarraldo. Ich wusste von den Schwierigkeiten und Skandalen, die den Film begleiteten, fuhr Anfang 1981 nach München und habe mich mit meiner Fotozeitschrift und Klaus Kinski auf dem Titel bei der Werner Herzog Film vorgestellt. Das war an einem Montag. Vier Tage später, am Donnerstag früh, traf ich erstmals Werner Herzog; in Miami am Flughafen. Von dort aus flog ich zusammen mit ihm nach Peru. Als Standfotograf und als Kameraassistent für Fitzcarraldo.

Kannst du dich noch an deine erste Ausstellung erinnern?

Aber sicher doch! 1976 in der Galerie 38 in Zürich. Wir haben eine Holzskulptur gebaut. Ein grosser roter Mund und diesen bei Ebbe an der Atlantikküste in Deauville in Frankreich ins Meer gestellt. Anderntags wollten wir die Reaktion der Fischer, die dort Muscheln suchen, dokumentieren, fotografieren und filmen. Was denken die Leute, wenn da mit einem Mal ein riesiger Mund vor ihnen im Meer erscheint? Aber alles kam anders! Ein gewaltiger Sturm kam daher und hat den Mund zerfetzt. Die Aktion war grossartig gescheitert und resultierte in einer interessanten und gut besuchten Ausstellung. Ein Zeitungsartikel hat die Sache sehr schön auf den Punkt gebracht: „Es ist das Privileg der Jugend, verrückte Sachen zu machen.“

Wie kam es dazu, dass Du damals Fotozeitschriften realisiert hast?

Meine fotografischen Arbeiten wurden schon sehr früh publiziert. Noch keine sechs Monate Assistent, da erschienen bereits die ersten Fotosequenzen. Ich war allerdings nie zufrieden mit dem Erscheinungsbild. Meine Fotografien waren entweder schlecht gedruckt, zu klein abgebildet, mit falschen Legenden versehen oder standen Bildern oder Werbungen gegenüber, mit denen ich nicht in Zusammenhang gebracht werden wollte. Dagegen anzukämpfen war sinnlos und zu nervenaufreibend. Also habe ich meine eigenen Zeitungen kreiert. Zuerst Palm Beach News, dann The Village Cry und später Flitz Flying Magazine.

Wann kam es zur ersten persönlichen Begegnung mit Klaus Kinski?

In Basel bereiteten wir gerade die Filmausgabe für The Village Cry vor. Da klingelte das Telefon: „Klaus Kinski und Just Jaeckin drehen den Film Madame Claude in einem Schloss, komm so rasch als möglich nach Paris!“ hiess es. Ich liess alles stehen und liegen, nahm meine Kameratasche und fuhr nach Paris. Bei der Bildagentur Sygma, wo ich um die Bewilligung ersuchte, auf dem Set fotografieren zu dürfen hiess es auf der Chefetage nur: „Niet!“ Also telefonierte ich Regisseur Just Jaeckin – ich kannte ihn bereits aus meiner Zeit als Fotoassistent. Er packte mich in sein Auto, versteckte mich unter einer Hundedecke und schmuggelte mich so am Wachtposten und den wachsamen Augen der beiden Sygma Fotografen vorbei ins Schloss. Klaus Kinski bereitete sich gerade auf seine nächste Szene vor, als wir ins den riesigen Salon reinplatzten. Just stellt mich Klaus kurz vor und verschwand. Da stand ich also, allein und verbotenerweise in einem riesigen Schloss, mir gegenüber Klaus Kinski, der mich mit stechendem Blick musterte. Noch bevor er sich eines Besseren besinnen konnte drückte ich ihm die letzte Ausgabe von The Village Cry in die Hand und fragte herausfordernd und bestimmt: „Herr Kinski, wollen Sie auf dem Titel meiner Fotozeitschrift erscheinen?“ Er blätterte die Zeitung in aller Ruhe durch, schaute zu mir hoch und fragte: „Nur auf dem Titel?“ Das war 1977 und so begann unsere jahrelange Zusammenarbeit.

Wer hat dein Werk beeinflusst?

Es gibt viele Fotografen, die mich inspiriert und meine Arbeit beeinflusst haben. Da sind zum Beispiel Irving Penn, Richard Avedon, Diana Arbus, Tina Modotti, Milton Rogovin, Duane Michals. Auch die Schweizer Fotografen wie Walter Bosshard, Werner Bischof, Gotthard Schuh, Annemarie Schwarzenbach oder René Burri haben mein Werk geprägt. Alle diese Fotografen sind viel gereist, haben fremde Welten erkundet und einmalige Zeitdokumente geschaffen.

Warum arbeitest Du überwiegend s/w?

Das Schwarz-Weisse verfremdet die Realität noch viel mehr als das Farbige. Sie zwingt den Betrachter zu mehr Konzentration, um eine Brücke zu der Realität herzustellen. Das Gesehene wird ja auf eine Grauskala reduziert. Zudem kann und konnte man sich für wenig Geld ein Fotolabor einrichten, Ideen realisieren und eigene Welten schaffen. Mir gefällt die hochkonzentrierte und meditative Arbeit im Dunkeln der Dunkelkammer, die mir erlaubt, vergangene Momente wieder zum Hier und Jetzt zu erwecken. Ich liebe diese reiche und vielfältige Welt der Schwarz-Weiss Fotografie.

Du arbeitest aber gelegentlich auch in Farbe, wann geschieht das?

Als Experiment oder im Bereiche der Auftragsfotografie. Eine Ausnahme allerdings ist die Arbeit zum geplanten Buch „Happy Monk.“ Hier habe ich sowohl digital als auch in Farbe gearbeitet. Meine Reise führte mich im Frühjahr 2007 nach Ladakh. Wegen falscher Handhabung funktionierte meine 6×6 Rolleiflex nicht wie erwünscht. Kurz entschlossen habe ich meine 200 Schwarz-Weiss Filme zur Seite gelegt und die Leica M8 ausgepackt, die ich vorsichtshalber mit dabei hatte. Dort, 5500 m über Meer im Himalaja arbeitete ich erstmals farbig für ein eigenes Projekt und digital. Bereits das nächste Kapital – es war ein Jahr später im Himalaya – jedoch habe ich zwar in Farbe, aber wieder auf Film produziert.

Hast du ein Projekt über das Du gerne erzählen möchtest?

Letzten Herbst bin ich vor der Küste Tansanias, vor Zanzibar, Pemba und Mafia für einige Monate auf Transport- und Passagierschiffen mitgesegelt und habe das beschwerliche und mitunter auch sehr gefährliche und abenteuerliche Leben der Seeleute dokumentiert. Das Goethe-Institut in Dar es Salaam plant nun diesen Herbst eine Ausstellung vor Ort in Tansania. Es soll aber nicht eine Ausstellung im klassischen Sinn in einer Galerie oder Museum werden. Die Fotografien, werden laminiert oder auf Stoff gedruckt, wasser- und wetterbeständig gemacht. Dann werden sie auf ein einheimischen Segelschiff, einer Dhau, montiert. Die mit der Ausstellung bestückte Dhau wird mit mir im Indischen Ozean von Hafen zu Hafen segeln, überall dorthin, wo die Fotografien entstanden sind. Zudem wird im Horst Moser Verlag in München mein Buch über diese uralte Tradition der Dhau Schifffahrt erscheinen.

Notiz: Die 3-monatige Ausstellung auf dem Meer hat 2010 stattgefunden und das Buch Dhau. Beatus Piratus auf Sindbads Spuren ist inzwischen erschienen.

Du hast auch oft Filmstars, Musiker, Künstler portraitiert. Wie war das beispielsweise mit dem Filmschauspieler Eddie Murphy?

1983 habe ich als zeitenweise als Freelancer bei der Schweizer Illustrierten gearbeitet und war eingeladen, bei der Weltpremiere von Beverly Hills Cop in London während der Pressekonferenz für eine Bericht in der erwähnten Zeitung zu fotografieren. Ich habe zwei oder drei Filme belichtet. Das war mir aber zu wenig. Also habe ich vor dem Konferenzraum spontan mein eigenes kleines Fotostudio mit vier Lampen aufgebaut. Dann habe ich gewartet. Zwei Stunden lang. Dann plötzlich kam Eddie Murphy aus dem Saal. Ich stellt mich in seinen Weg und sagte: „Entschuldigen Sie bitte, Mr. Murphy, ich bin den weiten Weg aus der Schweiz gekommen – nur um Sie zu portraitieren und das richtige Bild das ich will ist mir noch nicht gelungen! Dürfte ich Sie nochmals fotografieren?“ Er schaute nur verdutzt und meinte: „Wo denn?“„Hier in dieser Ecke, ich habe mein Studio mitgebracht!“ antwortete ich. Murphy war so perplex, daß er einwilligte. Er nahm sich 10 Minuten Zeit und ich betätigte 36x den Auslöser.

Hast du einen Traum, den du gerne verwirklichen möchtest?

Tag ein Tag aus beschäftige ich mich mit der Fotografie. Von morgens früh bis abends spät. Seit 40 Jahren schon. Das bedeutet für mich auch, dass ich jeden Tag mein Traum verwirkliche.

Welche Musik hörst Du gerne?

Am liebsten höre ich afrikanische Musik, es ist unglaublich wie reich und vielseitig sie ist. Jedes afrikanische Land bietet eine andere Musikart und Musikrichtung, eigene Sprachen und eigene Rhythmen. Ich habe mehrere Jahre meines Lebens in Afrika verbracht und bin so auf den Geschmack gekommen. Den Musiker Manu Dibango mit seiner Entourage habe ich 1996 während der Silvesternacht in Dakar kennengelernt. Ich hatte nur eine kleine Agfa Clack mit dabei aus den 20-er Jahren. Etwa die einfachste Kamera die man sich vorstellen kann und die Lichtverhältnisse prekär. Dennoch ist dieses schöne Portrait entstanden. Neben der afrikanischen Musik höre ich aber auch gerne sphärische Musik. Musik begleitet mich auch währenddem ich arbeite. Wenn ich beispielsweise acht Stunden lang derselben Beschäftigung nachgehe, kann es vorkommen, dass ich mir acht Stunden lang dieselbe Melodie, dasselbe Lied anhöre. Dies erlaubt mir, durchgehend die gleiche Stimmung aufrecht zu erhalten.

Was planst Du für die Zukunft?

Die Zukunft kommt früh genug. Deshalb plane ich nicht viel.

Du fotografierst nicht nur um fotografiert zu haben – sollen deine Werke dem Betrachter etwas vermitteln?

Geschichten und Märchen will ich erzählen mit meiner Fotografie. Fantasien wecken, mein Gegenüber zum Träumen bringen. Mit fotografischen Geschichten von fernen Welten und anderen Kulturen, ohne aber das Fremde, das „Nochniegesehene“ zu zelebrieren. Den Betrachter in Welten entführen, teilnehmen lassen an meinen abenteuerlichen und ungewöhnlichen Reisen, meinen Bildern, meinen Erzählungen.

Was bedeutet die Fotokunst für dich persönlich?

Für mich ist das ein suspekter Begriff und hat mehr mit dem Kunsthandel, als mit der Fotografie zu tun. Wer ein guter Fotograf sein will muss einiges mehr sein als nur ein Künstler.

Du hälst auch Vorträge zur Fotografie. Über welche Themen sprichst du?

Ich halte nicht nur Vorträge, ich unterrichte auch Fotografie und spreche über Themen, die meine Zuhörerschaft faszinieren. Vom Bildaufbau zur Reisevorbereitung, von technischen und logistischen Aspekten, von der Realisierung eines einzelnen Bildes bis zur Buch- und Ausstellungskonzeption.

Als du 21 Jahre alt warst, was hast du da gemacht?

Mit 21 habe ich meinen Koffer gepackt und bin nach Paris gefahren. Dort habe ich am Tag als Fotoassistent gearbeitet. Nach getaner Arbeit sass ich Abend für Abend  in der Cinémathèque und habe mir jeweils drei bis vier Filme angeschaut. Dort habe ich gelernt zu sehen, filmisch und fotografisch zu denken und Geschichten zu erzählen. Eines schönen Tages sah ich den Film Aquirre – der Zorn Gottes von Werner Herzog mit Klaus Kinski als Hauptdarsteller. Wie gebannt sass ich im Kino und sagte mir: „Mit diesen beiden Giganten des Deutschen Films will ich einmal zusammenarbeiten.“ Drei Jahre später traf ich Klaus Kinski, sieben Jahre später wurde ich für Fitzcarraldo im Peruanischen Urwald engagiert.

Kannst du dir vorstellen irgendwann einmal mit der Fotografie aufzuhören und etwas anderes zu machen?

Nein!