INTERVIEW mit PROFIFOTO

Werner Herzog und Beat Presser,Bologna 1985

Werner Herzog und Beat Presser,Bologna 1985

MATTERHORN, 1. AUGUST 1996

PROFIFOTO: Ihr Landsmann, der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, hat über die Schweiz einmal geschrieben, dass man sich in ihr wie in einem Gefängnis fühle. Ist diese Gefängnissituation mit der Grund dafür, dass viele Schweizer Fotografen mit Reisereportage berühmt geworden sind?

BEAT PRESSER: Natürlich. Die Schweiz ist sehr verbaut, vor allem auch durch all die Berge. Und wir Schweizer würden gerne einmal über die Bergspitzen hinüber schauen.

PROFIFOTO: Dieses Reisefieber hat in der Vergangenheit viele Ihrer Landsleute gepackt: Man denke etwa an Werner Bischof, Gotthard Schuh, Walter Bosshard, Emil Schulthess oder an René Burri.

BEAT PRESSER: Das ist in der Tat ansteckend. Ich selbst bin ja auch früh davon infiziert worden – von dieser Idee, in der Welt herumzureisen, um Bilder mit nachhause zu bringen, die wir in der Schweiz nicht haben. Jüngst war ich etwa in Indonesien. Das ist ein Land, das aus tausenden von kleinen Inseln besteht. Alle sind nur durch die Schifffahrt miteinander verbunden. Das ist etwas völlig Fremdes für einen Schweizer.

PROFIFOTO: Mit Ihren Bildbänden und Ausstellungen über Asien, Afrika, Südamerika oder Madagaskar haben Sie weit über die Grenzen der Schweiz hinaus für Furore gesorgt. Was hat sie einst eigentlich zur Fotografie gebracht?

BEAT PRESSER: Als ich fünfzehn Jahre alt war, hat mich ein Freund einmal zu sich nachhause eingeladen. Dessen Eltern hatten ein eigenes Fotolabor in ihrem Keller. Wir haben also zusammen einen Film entwickelt und ein paar Bilder vergrössert. Als der erste Bild auf dem Papier im Entwicklerbad erschien, da wußte ich blitzartig: Ich werde Fotograf. Das war eine unmittelbare Erkenntnis. Heute würde ich sogar sagen, die Fotografie hat mich gefunden hat – nicht umgekehrt.

PROFIFOTO: Obwohl es Sie schon sehr früh in die Welt hinausgetrieben hat, haben Sie in Ihrer Heimatstadt Basel dann zunächst eine Ausbildung zum Modefotografen gemacht. Was faszinierte einen Weltenbummler wie Sie damals ausgerechnet an Mode?

BEAT PRESSER: Das mit der Modefotografie hatte sich so ergeben. Eigentlich war es mir damals ziemlich egal, in welchem Bereich der Fotografie ich meine Ausbildung machen würde. Ich hatte die Gelegenheit bei dem sehr renommierten Schweizer Modefotografen Onorio Mansutti zu lernen. Also habe ich sie beim Schopf ergriffen. Der große Vorteil von Modefotografie ist, dass man dort lernt, mit Leuten umzugehen. Zudem lernt man viel über Licht und über die Psychologie der Menschen. Für mich war das war eine sehr gute Schule. Ich habe dann gut drei Jahre in diesem Bereich gearbeitet – unter anderem in Paris und New York. Dann aber ist mir klar geworden, dass der Modefotografie nicht meine eigentliche Liebe gehört. Irgendwie hatte ich genug von Kleidern und all dem Glamour. Danach habe ich zunächst eine weitere Ausbildung als Kameramann beim Dokumentarfilm gemacht.

PROFIFOTO: Dennoch sind sie der Fotografie auch in jenen Jahren treu geblieben. So haben Sie etwa 1975 eine für damalige Verhältnisse und für Europa recht ungewöhnliche Fotozeitschrift herausgebracht: „The Village Cry“.

BEAT PRESSER: Ich hatte zuvor in New York Fotozeitschriften kennengelernt, die damals bereits sehr innovativ und bildorientiert waren. Also überlegte ich mir, so etwas auch für die Schweiz auf die Beine zu stellen – eine Zeitschrift mit großformatigen Fotografien. Da ich durch meine Zeit in Paris und New York in der Foto- und Modeszene recht gut vernetzt war, haben wir mit „The Village Cry“ einige sehr interessante Sachen realisiert. Ich habe die Zeitung zusammen mit Rolf Paltzer gemacht, er war der Herausgeber unserer sehr innovativen und vielbeachteten Zeitung. Irgendwann ist uns aber leider das nötige Geld ausgegangen; und niemand war damals bereit, uns finanziell unter die Arme zu greifen. Also habe wir „The Village Cry“ nach zwei Jahren wieder eingestellt.

PROFIFOTO: In „The Village Cry“ sind auch ihre ersten Fotografien von Klaus Kinski erschienen. Wie haben Sie damals den Kontakt zu Kinski bekommen?

BEAT PRESSER: Wir hatten damals öfters Film-Themen im Magazin. Irgendwann hat mich ein Freund, der griechische Maler Minas aus Paris angerufen und gesagt, dass Kinski einen Film mit Just Jaeckin drehe. Da ich während meiner Pariser Zeit als Assistent bei Just Jaeckin gearbeitet habe und wir befreundet waren, hat er mich aufs Filmset von Madame Claude mitgenommen. Just war der Regisseur des Filmes und so kam es zu einem ersten Treffen mit Klaus Kinski. Diese schwarz/weiß Portraits sind dann im „The Village Cry“ erschienen. Und Klaus war auf dem Titelbild.

PROFIFOTO: Klaus Kinski galt schon damals als ein komplizierter Charakter. Für viele war er gar ein Enfant terrible. Wie haben Sie selbst Kinski bei Ihrer ersten Begegnung erlebt?

BEAT PRESSER: Kinski war von Anfang an ungemein kooperativ. Mit mir war er sehr umgänglich. Wir hatten nie Probleme miteinander. Vielleicht, weil wir eine ähnliche Sicht auf die Dinge hatten. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und haben wunderbar zusammengearbeitet.

PROFIFOTO: Der Regisseur Werner Herzog, mit dem Sie selbst später sehr intensiv zusammengearbeitet haben, hat über Klaus Kinski einmal gesagt, dass er mehr in die eigene Pose, denn in die eigene Person verliebt gewesen sei.

BEAT PRESSER: Mag sein. Ich habe eine andere Sicht auf Klaus Kinski. Es steht mir aber auch nicht zu, die Aussagen von Werner zu kommentieren – schließlich habe ich als Fotograf damals eine ganz andere Rolle innegehabt, als Werner als Regisseur.

PROFIFOTO: Damals, das war während Ihrer Zeit als Standfotograf für den Herzog-Film „Fitzcarraldo“. Werner Herzog selbst hat die Dreharbeiten im peruanischen Dschungel später als unvorstellbare Plackerei beschrieben Wie haben sie diese Monate mit Kinski und Herzog erlebt?

BEAT PRESSER: „Fitzcarraldo“ war für mich eine wunderbare Gelegenheit, um aus der Enge der Schweiz auszubrechen. Von daher war es für mich keine Plackerei; es war ein einmaliges Erlebnis und ein großartiges Filmprojekt. Sicherlich, es waren anstrengende Monate; aber zugleich waren sie auch phantastisch. Werner Herzog ist für mich bis heute ein großartiger Visionär. Für mich war diese Zeit eher eine Offenbarung als eine Plage.

PROFIFOTO: Würden Sie sagen, dass Werner Herzog damals Ihr fotografisches Sehen geprägt hat?

BEAT PRESSER: Werner hat mich sehr beeinflusst; besonders in seiner erzählerischen Sicht auf die Welt. Er ist ein großer Mythen-Macher und Geschichtenerzähler. Später habe ich versucht, eine ähnliche Erzählart auf meine eigene Fotografie zu übertragen. Mit meinen Fotografien möchte ich gerne Geschichten erzählen, nicht einfach nur Realität wiedergeben. Zudem hat mich Werner Herzog zum Schreiben gebracht. Während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ hat er immer wieder Texte in kleinster Schrift in sein kleines Buch geschrieben. Also habe ich mir irgendwann auch so ein Büchlein gekauft und mit dem Schreiben begonnen. Über die Jahre hinweg habe ich das mehr und mehr kultiviert und später auch viele Texte zu meinen eigenen Bildbänden verfasst.

PROFIFOTO: Ist der Beruf des Standfotografen mit der Digitalisierung des Films eigentlich überflüssig geworden?

BEAT PRESSER: Das weiß ich nicht genau, aber ich glaube nicht. Meine Zeit als Standfotograf ist ja schon lange vorbei. Damals habe ich das gemacht, weil ich Werner Herzog für einen großartigen Filmemacher und für eine herausragende Persönlichkeit halte. Ansonsten hätte ich mich bei einem solchen Job vermutlich eher eingeengt gefühlt. Man arbeitet am Filmprojekt von jemandem Anderen, zudem muss man immerzu im Team agieren. Das ist eigentlich nicht mein DIng. Meine eigenen Projekte realisiere ich heute zumeist alleine – meine Leica, meine Hasselblad und ich. Das liegt mir mehr und gibt mir die Freiheit die ich brauche um zu arbeiten. Eigentlich sehe ich mich eher als Forscher, denn als Fotograf.

PROFIFOTO: Bis heute fotografieren Sie analog. Das ist eigentlich anachronistisch. Welche Vorteile hat die analoge Fotografie für Sie?

BEAT PRESSER: Das klingt vielleicht merkwürdig; aber der Vorteil der analogen Fotografie besteht für mich darin, dass man das Resultat nicht sofort sieht. Was ich heute auf meinen Reisen fotografiere, das bekomme ich vermutlich erst in einigen Monaten bei der Weiterverarbeitung der Filme im Labor zu sehen. Für mich ist die Dunkelkammer ein Ort, an dem ich mich ungemein gut konzentrieren kann. Das ist wie eine Klausur. Doch mit der Digitalisierung hat man die Fotografie aus diesem Dunkel herausgeholt und ans Licht gezerrt. Man hat alles beschleunigt. Wenn ich indes ein Bild mache, welches ich erst viel später zu sehen bekomme, dann habe ich eine ganz andere Sicht auf das Vergangene. Es gibt mir die Distanz die ich bei der digitalen Fotografie vermisse.

PROFIFOTO: Das heißt, die Entschleunigung schafft Abstand – und somit den nötigen Raum, um über das Bild nachzudenken und?

BEAT PRESSER: Ja, auf jeden Fall. Wenn ich analog arbeite, dann kommen meine Filme am Abend in einen wasserdichten Plastiksack und werden erst viel später weiterverarbeitet. Arbeite ich indes digital, dann setze ich mich schon am gleichen Abend an den Computer, um mich über das Tagwerk herzumachen. Dazu kommt, dass ich so gar nicht mehr am Leben um mich herum teilnehme – am Leben, das ich ja eigentlich dokumentieren möchte. In einer solchen Situation ist man wie jemand, der den ganzen Tag mit einem GPS-Gerät durch die Stadt läuft, ohne die Stadt dabei je gesehen zu haben.

PROFIFOTO: Das klingt, als wäre Fotografie für Sie auch so etwas wie eine spirituelle Erfahrung. Sie haben sich vor einigen Jahren ja auch sehr intensiv mit dem Buddhismus auseinandergesetzt. Wie ist es dazu gekommen?

BEAT PRESSER: Das hatte damals viele Gründe. Ich war zwölf Jahre alt, als mich meine Mutter erstmals in eine Yoga-Schule schickte. Das hat mich sehr fasziniert und ich habe begonnen Literatur über Hinduismus und Buddhismus zu lesen. Später, mit neunzehn, bin ich im bei Korat in Siam mit einem Auto verunglückt. Ich hatte starke Verletzungen am Rücken. Da das Krankenhaus vor Ort überfüllt mit Kriegsverwundeten aus Vietnam war, hat man mich in ein nahegelegenes buddhistisches Kloster gebracht und hat mich dort gepflegt und kuriert. Das war eine sehr prägende Erfahrung für mich. Damals ist mir klar geworden, dass ich später einmal im Leben gerne an diesen Ort zurückkehren würde, um eine Geschichte über den Buddhismus zu erzählen. 30 Jahre später ist dieser Zeitpunkt dann gekommen, und ich reiste fünf Jahre lang als Fotograf durch Laos, Burma, Sri Lanka, Thailand, Kambodscha und Indien, um mich intensiv diesem Thema zu widmen. 2005 erschien dann im Benteli Verlag mein Buch „Oase der Stille“ mit meinen Fotografien und Texten. 2007 in Englisch „Oasis of Silence“. Zudem wurde das Buch ins Singhalesische, ins Thai, ins Khmer, ins Vietnamesische und in Hindi übersetzt und in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schweizer Botschaften fand eine große Ausstellungstournee durch Südostasien statt.

PROFIFOTO: Nun sollte man eigentlich meinen, von der Welt sei bereits alles gezeigt und enthüllt worden. Fotografie, Film und Internet haben uns längst in den letzten Winkel der Erde blicken lassen. Wie kann Fotografie unter diesen Umständen überhaupt noch unsere Weltsicht erweitern?

BEAT PRESSER: Sie haben vermutlich recht: Ganz viele Sachen sind visuell bereits abgedeckt und zu Ende erzählt . Aber was vielen Geschichten fehlt ist der Tiefgang. Ich bin viel zu Fuß unterwegs oder segle für meine Bilder oft monatelang und unter unheimlichen Entbehrungen auf dem Ozean herum. Das ist anstrengend und zuweilen auch durchaus gefährlich. Aber ich glaube, dass es eben diese Langzeit-Geschichten sind, die von uns Fotografen noch bleiben. Werner Herzog hat einmal von mir gesagt: „Der Beatus, er erläuft seine Geschichten.“ Man muss sich in aller Tiefe mit einem Thema auseinandersetzen, entdecken, forschen, suchen, sich selber neu erfinden und nicht nur an der Oberfläche schürfen; man muss intensiv recherchieren und erleben. Das ist die Art, wie ich meine Aufgabe als Fotograf bis heute verstehe.