BUCHCOVER "BEATUS PIRATUS AUF SINDBADS SPUREN". MOSER-VERLAG MÜNCHEN

INTERVIEW BILDWERK 3 MIT BEAT PRESSER

FELIX BASSLER IM GESPRÄCH MIT BEAT PRESSER FÜR BILDWERK 3

Felix Bassler: Bevor Sie mit einer Fotoserie beginnen haben Sie davor schon einen Plan und Ihre Motive schon im Kopf?

Beat Presser: Es kommt auf das Thema und die Begebenheiten an und es gibt verschiedene Vorgehensweisen. Bei vielen Projekten, da weiß ich ziemlich genau was ich will. Ich mache mir Notizen, Skizzen und schreibe ein Konzept. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die Realität diese Pläne immer wieder auf den Kopf stellt und sich die Geschichten in eine ganz andere Richtung entwickeln. Meist sind die Resultate anders als das, was ich anfangs gewollt habe. Vor allem bei Langzeitprojekten ist das der Fall, je länger man sich mit einem Thema auseinandersetzt, desto mehr kann man in Erfahrung bringen und je eher kommt man von der ursprünglichen Fährte ab. Aber schlussendlich spielt das gar keine Rolle. Was zählt ist das Endprodukt und der Weg dorthin. Bei vielen Themen die mich interessieren beginne ich einfach, fotografiere und lasse das Ganze auf mich zukommen. Beispielsweise habe ich vor bald zwanzig Jahren eine Arbeit über den Zirkus begonnen, ich weiss aber immer noch nicht so genau, in was für eine Richtung das gehen soll. Als ich jetzt in Kolumbien war habe ich diese Arbeit wieder aufgenommen, sie besteht wie aus vielen kleinen Mosaiksteinen, die sich langsam zu einer Geschichte mausern. Irgendwann trage ich alle diese Mosaiksteine zusammen und erzähle damit ein Märchen aus der Zirkuswelt.

Felix Bassler: Und wann weiß man, wann man fertig ist?

Beat Presser: Fertig ist man nie! Oder? Wenn man das Gefühl hat jetzt sei genug, dann muss man einen Kompromiss mit sich selber eingehen und einen Schlussstrich ziehen können. Es gibt auch Projekte, die will man gar nicht fertig haben. Meine Arbeit über den Buddhismus war auf 3 Monate projektiert; am Schluss waren es dann sieben Jahre. Nach fünf Jahren Arbeit ist das Buch Oase der Stille erschienen, es erzählt in Schrift und Bild vom Leben von buddhistischen Mönchen, Nonnen und den Novizen. Mich interessierte beispielsweise die Frage, was bringt einen Novizen dazu, sein Leben vom fünften Lebensjahr an in einem Kloster zu verbringen. Immer wenn Till Schaap, mein Verleger gefragt hat, ob ich nun fertig sei, habe ich geantwortet, ja, ich bin fertig, aber ich müsse nochmals zurück, ich wolle noch andere Aspekte des Buddhismus beleuchten. Ein Jahr später bin ich wieder gekommen und habe wieder das Gleiche erzählt. Ich habe versucht, dieses Projekt so lange wie nur möglich hinzuziehen. Je mehr man sich intensiv und seriös mit einem Thema beschäftigt, desto mehr versteht man davon, je mehr kann man sein Wissen vertiefen. Zudem, wenn man länger an einem Projekt arbeitet, dann muss man sich nicht jedes halbe Jahr oder alle 3 Monate mit etwas Neuem beschäftigen. Wer schnell die Themen wechselt und von einem Projekt zum nächsten rennt läuft Gefahr sich nur oberflächlich mit den Aufgaben auseinanderzusetzen. Die Fotografen von National Geographic die ich getroffen habe arbeiten heute ähnlich. Die wohnen zwar ganz toll und ganz reich, haben Fahrer und Führer, alles was es braucht und alles ist schon im Voraus abgesteckt und gut vorbereitet. Solche Reportagen sind auf der einen Seite sehr populär, auf der anderen Seite kann die Recherche gar nicht sehr tief gehen. Alles muss rasch abgefrühstückt, gut aussehen und schnell gemacht sein. Einer solchen Arbeitsweise kann ich nicht viel abgewinnen.

Felix Bassler: Wie wichtig ist Text in Zusammenhang zu ihren Fotoserien?

Beat Presser: Text ist mir seit Oase der Stille sehr wichtig. Ich habe zwar schon zuvor geschrieben, angefangen damit habe ich 1981 während den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo. Aber nur wenige Texte sind damals publiziert worden. Ich habe auch für die hiesige, damals sehr gute Basler Zeitung – die heute leider nicht mehr diesen Ruf genießen darf – Fotobuchkritiken geschrieben. Etwas später habe ich angefangen Kurzgeschichten zu schreiben. Aber bei Oase der Stille habe ich das erste Mal einen ganzen Buchtext verfasst. Später dann auch für Dhau – Beatus Piratus auf Sindbads Spuren und bei meinem letzten Kinski-Buch; da habe ich einen Text verwendet, den ich bereits 1981 während der Dreharbeiten zu Fitzcarraldo geschrieben habe.

Felix Bassler: Sie arbeiten gar nicht mit Assistenten?

Beat Presser: Nein, gar nicht, weil… Höchstens mit Leuten vor Ort, ab und an mit einem Führer oder mit Freunden, Studenten. Unterwegs als Fotograf ist man sehr oft auch alleine, man spricht die Sprache nicht, kennt niemanden oder nur wenige Leute. Da ist es manchmal gut mit Leuten von dort zu arbeiten. Als eine Art Go-Between. Aber Assistenen aus meinem eigenen Kulturkreis mitzunehmen empfinde ich nur als unnötigen Ballast.

Felix Bassler: Unterschiede zwischen Fotodokumentation und inszenierter Fotografie: In Ihren Serien sind viele Bilder im Voraus geplant. Gibt es aber auch Serien und Fotografien die spontan entstehen?

Beat Presser: Das Umschlagfoto von Oase der Stille ist total spontan entstanden. Das hat sich zufällig ergeben. Diese beiden Novizen, sie sassen einfach da, an diesem kleinen Teich und warteten auf ihr Essen. In einer solchen Situation muss man blitzschnell reagieren, Blende und Zeit berechnen, Schärfe ziehen, den Auslöser betätigen! Ebenso das Titelbild von Dhau – Beatus Piratus auf Sindbads Spuren. Ich saß auf der Veranda eines Freundes auf der Insel Mafia in Ostafrika. Da kam diese Dhau daher und vier kleine noch dazu im Hintergrund. Da kam ein Kunstwerk auf mich zugesegelt. Ich bin in mein Zimmer gerast, habe meine Leica M6 geholt, bin auf die Veranda gerast um habe zwei oder drei Negative belichtet. Drei Monate später und nachdem wir alle Filme entwickelt hatten sah ich erstmals das Resultat. Und für Horst Moser mein Verleger aus München war klar: Das wird das Titelbild für das Dhau Buch. 

Felix Bassler: Geben Sie auch Anweisungen? Zum Beispiel bei dem Projekt Dhau. Gab es da Situationen wo Sie auf jemanden hingegangen sind und gesagt haben so und so?

Beat Presser: Nein. Bei der Dhau weniger. Weil das Prinzip bei der Dhau ist ja folgendes: Das sind Segelschiffe, die schon seit Jahrtausenden im Indischen Ozean vor Ostafrika hin und her kreuzen und früher bis Indien und noch weiter gefahren sind. Wenn man heute das Glück hat und mitsegeln und fotografieren darf, dann muss man sich auch an die Regeln halten. Wenn man beispielsweise stundenlang vor dem Wind segelt oder dagegen, wenn keine Manöver im Gange sind, dann gibt es eigentlich gar nicht viel zu fotografieren. Da passiert auch nur wenig. Für den Fotografen ist es dann spannend, wenn ein Manöver stattfindet. Wenn gewendet oder gehalst wird, wenn man frühmorgens den Anker lichtet, auf Grund läuft, die Segel gerefft werden, wenn ein Sturm aufkommt. Wenn ein Manöver stattfindet, dann arbeitet die ganze Crew – meist 6 oder 7 Matrosen plus Steuermann und Kapitän. Das sind dann oft auch sehr gefährliche Momente. Da muss man gut aufpassen als Fotograf, dass man niemandem im Wege steht, die Arbeit der anderen nicht behindert, dass man sich nicht selber in Gefahr bringt oder daß man gar vom Baum getroffen wird. Da kann man nicht gehen und die Leute inszenieren und Anweisungen geben wie. Zudem gibt es ja die Sprachbarriere. Flink, seetüchtig und schnell muss man da sein. Präzise arbeiten und dafür sorgen, dass das Gerät nicht nass oder feucht wird und nicht leidet unter den klimatischen Gegebenheiten. Und gute Bilder machen. Nehmen wir an es besteht die Gefahr einer Havarie, da muss man unheimlich schnell reagieren. Da bleibt keine Zeit für inszenierte Fotografie, das ist unmöglich. Das ist dann reine Dokumentarfotografie. Weil die Gefährlichkeit der Situation es nicht zulässt, dass man Leute inszeniert. Bei der Arbeit über den Buddhismus war es auch schwierig, Situationen zu inszenieren, weil ich den Rhythmus der Leute nicht stören wollte. In der Portraitfotografie gibt es Situationen, da inszeniere ich mein Gegenüber, und zwar ganz bewusst. Aber es stellt sich auch immer die Frage: „Wer inszeniert wen?“ Ich weiß gar nicht ob der Fotograf immer derjenige ist, der inszeniert. Ist es der Fotograf der inszeniert oder die resp. der Fotografierte? Klaus Kinski den ich ein erstes Mal in Paris, später dann bei den Dreharbeiten zu Werner Herzog’s Fitzcarraldo und Cobra Verde und später auch in Rom begleitet habe, hat mich ebenso inszeniert wie ich ihn. Oder besser, Klaus hat sich selber inszeniert. Er hat sich so inszeniert, wie er sich gefiel und ich habe ihn abgelichtet. Aber er hat das natürlich nur gemacht, weil ich da war. Zusammen hat das wunderbar funktioniert. Klaus wusste aber auch, dass ich ihn gut in Szene setzen konnte. Da ist es schwierig zu sagen, wer inszeniert wen. Es ist die Aufgabe des Fotografen – so sehe ich das wenigstens – das Gegenüber dazu zu bringen, sich wohl zu fühlen in seiner Haut, der meist unbekannten Umgebung und vor der Kamera. Zudem bin ich versucht, dass am Schluss das Bild so aussieht, dass es den Betrachter fasziniert. Der oder die Portraitierte muss aber auch einen Teil von sich preisgeben. Und als Fotograf musst du das auch. Man muss aufeinander zugehen und schauen, dass das eine gute und energiegeladene Symbiose wird. Und das ist das Spannende an der Portraitfotografie. In den meisten Fällen gelingt es. Es gab aber auch Situationen, da hat es nicht gefunkt, aber im allgemeinen würde ich sagen, es funktioniert gut.

Felix Bassler: Verwenden Sie Hilfsmittel wie Blitz, Reflektoren und so weiter?

Beat Presser: Ja beides. Aber reduziert. Je nach Situation. Wenn es die Situation braucht, dann blitze ich, oder helle auf, wenn es das nicht braucht, dann eben nicht.

Felix Bassler: Mit was reisen Sie?

Beat Presser: Kameras, verschiedenen Objektiven, Filtern, Belichtungsmesser, Blitz, Reflektor, Stativ, Filme. Alles wasserdicht verpackt. Und mit guter Laune und vollem Forschungsdrang. 

Felix Bassler: Wie ist es mit digitaler Bildbearbeitung?

Beat Presser: Ich versuche, meine Fotografien zu optimieren, wie auch im Fotolabor beim Vergrössern ab Negativ. Aber kein „Hanky-Panky“. Sondern einfach die Optimierung der Bilder. Kontraste und Farben sauber angleichen und so weiter. Die Lichtbedingungen sind ja immer wieder anders. Nehmen wir einmal an, ich gehe jetzt auf den großen Platz vor meinem Studio hier in Basel an der Webergasse und mache ein Portrait von Ihnen. Und morgen noch einmal. Heute regnet es und morgen soll die Sonne scheinen. Kontraste und Farben werden verschieden sein. In diesem Falle versuche ich die Bilder einander anzugleichen. Es geht ja immer darum – das ist jetzt ein komisches Wort – das perfekte Foto zu kreieren, den optimalen Moment festzuhalten, umzusetzen was man sieht. Meine subjektive Sehweise umzusetzen. Dafür dient Photoshop als ein gutes Werkzeug. Diese Arbeit mache ich selber, es gefällt mir und ich kann es inzwischen auch ganz gut. Jemand der so lange wie ich, der 30 oder mittlerweile 45 Jahre lang im Labor gearbeitet hat, hat keine Probleme mit der Bildbearbeitung. Das ist ein Kinderspiel. Man muss ein paar Griffe kennen, einen eigenen Stil entwickeln und viel üben. Aber ich unterrichte selber Fotografie an verschiedenen Universitäten weltweit und da bin ich immer wieder gefordert und sollte auf Fragen auch eine Antwort wissen. Das ist ja nicht so schwierig und es kommt auch oft vor, dass man viel lernt dank den Studenten, die immer wieder neue Kniffs und Erkenntnisse miteinbringen. So wird der Unterricht eine wunderbare Austausch-Geschichte. Die Kinder sind natürlich viel besser geschult in den neuen Medien als ich, aber die Anwendung in der Praxis kennen sie weniger. Da kommt mir die analoge Fotografie sehr zu Gute, sie hat mich viel gelehrt. Ich glaube nach wie vor, wer sich seriös und intensiv mit Fotografie auseinander setzen will, der sollte sich auch im Labor auskennen und mit der analogen Fotografie vertraut sein. 

Felix Bassler: Warum?

Beat Presser: Die digitale Fotografie ist nur ein Teil der Fotografie. Die analoge Fotografie braucht nochmals ein anderes Verständnis. Man muss wissen, wie diese chemischen und physikalischen Gesetze wirken, wie bekommt man das was man sieht auf den Film und später aufs Papier. Wie kann man schöne Abzüge machen. Ich glaube das ist sehr wichtig, wenn man ein guter Fotograf sein will. Zum Knipsen braucht es nicht sehr viel. Aber wer sich seriös mit der Fotografie auseinandersetzen will, der muss mehr wissen und mehr können als nur einen Knopf zu betätigen, das Bild kurz auf dem Display anschauen und später am Rechner zurechtzurücken. Fundiertes Wissen, einen eigenen Stil entwickeln und üben, üben, üben ist der Schlüssel zum Erfolg. Sowohl im analogen, als auch im digitalen Bereich.